Zu Bright Shengs «Nanking Nanking» (1999) für großes Orchester [1]
von Stefan Drees
Am 13. Dezember 1937 geriet die Stadt Nanking, am Jangtsekiang gelegen und zur damaligen Zeit Hauptstadt des Republikanischen China, unter japanische Herrschaft. In den folgenden acht Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges installierten die Besatzer hier eine Regierung, die hauptsächlich aus chinesischen Kollaborateuren bestand. So nüchtern diese historischen Fakten häufig in der Literatur referiert werden, so außergewöhnlich und unfaßbar waren die äußeren Begleitumstände dieser Okkupation, die noch heute die chinesisch-japanischen Beziehungen belasten. Der japanischen Plünderung von Nanking folgten aller Konventionen der Kriegsführung zum Trotz mutwillige Massenexkutionen chinesischer Soldaten, grausame Folterungen unschuldiger Zivilisten sowie die Verstümmelung und Vergewaltigung unzähliger Frauen. Man versuchte diese brutalen Aktionen nicht einmal zu verbergen: das Wüten der Besatzer fand in aller Öffentlichkeit statt - unter den Augen internationaler Beobachter und unbeeindruckt von deren Bemühungen, ihm Einhalt zu gebieten. Die Tatsache, dass dieser Terror sieben Wochen lang ununterbrochen anhielt, spottet jenen halbherzigen Erklärungsversuchen, die in den Ereignissen ein vorübergehendes Nachlassen militärischer Disziplin erkennen wollen. Die Zahlen sprechen für sich: der gezielt gegen die einheimische Bevölkerung gerichteten Terror- und Vernichtungsaktion fielen zwischen 250.000 und 350.000 Menschen zum Opfer.
Lange Zeit von einem Großteil der Historiker vernachlässig, gelangten die Ereignisse von Nanking durch die amerikanische Journalistin Iris Chang ins Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit. 1997 veröffentlichte sie das Buch «The Rape of Nanking. The Forgotten Holocaust of World War II», in dem sie sorgfältig die genauen Umstände und den Verlauf der japanischen Gräueltaten beleuchtet. [2] Die Lektüre dieses Buch, so Bright Sheng in einem persönlichen Gespräch, habe ihn dazu bewogen, sich mit den Ereignissen künstlerisch auseinanderzusetzen. Nicht nur das Geschehen als solches, sondern auch die Figur des Geschäftsmannes und Nationalsozialisten John Rabe, der unter Einsatz seines Lebens versuchte, so viele Leute wie möglich vor den japanischen Soldaten zu retten, haben ihn bei der Konzeption des Werkes gedanklich begleitet.[3] Letzteres ist insbesondere dann verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß es sich bei Nanking Nanking um eine Auftragskomposition aus Deutschland handelt - aus einem Land also, das auch heute noch mit den Grausamkeiten des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird.
Bright
Sheng, geboren
am 6. Dezember 1955 in Shanghai, kam bereits früh mit der
Musik in Berührung. Im Alter von vier Jahren begann er unter
Anleitung seiner Mutter mit dem Klavierspiel. Nach dem Abschluss
der höheren Schule war er einer der ersten Studenten, die
zur Zeit der chinesischen Kulturrevolution am Konservatorium
für
Musik in Shanghai angenommen wurden. 1982 zog er nach New York,
wo er am Queens College und an der Columbia University unter anderem
bei Leonard Bernstein und Hugo Weisgall studierte; heute lebt
er in Ypsilanti (Minnesota). In seiner Musik setzt sich Sheng
immer wieder mit dem eigenen historischen Hintergrund auseinander.
Seine Werke sind in einem ganz spezifischen Sinne Studien zu den
Wurzeln seiner kulturellen Identität und persönlichen
Weltauffassung. So ist etwa «H'un (Lacerations): In
Memoriam
1966-76» für Orchester (1988) ein
dramatisches
Porträt der chinesischen Kulturrevolution, einer Zeit also,
deren Gewalt und Terror er als Jugendlicher miterlebt und die
ihn entscheidend geprägt hat. Im Orchester-Tryptichon
«China
Dreams» (1995) ergänzt Sheng seine
Reflexion historischer
Ereignisse mit Natur- und Erlebnisschilderungen und schafft so
ein Porträt, das sowohl die Licht- wie auch die Schaffenseiten
seiner Heimat zeigen möchte. Immer sind es jedoch die nahezu
unerschöpflichen Quellen der chinesischen
volkstümlichen
Traditionen, an denen er beim Komponieren anknüpft - sei
es in der Wahl seines kompositorischen Materials, wie beispielsweise
in den «Two Folk Songs from Qinghai»
für
Orchester (1989), oder, wie in «Spring Dreams»
für Violoncello und traditionelle chinesische Instrumente
(1997), in der Wahl klanglicher Mittel.
In gleichem Maße ist auch «Nanking Nanking» von historischen Ereignissen und künstlerischen Traditionen Chinas bestimmt. Der zweifachen Nennung der Stadt im Titel des Werkes korrespondiert eine formale Zweiteiligkeit der Komposition, deren Ausformung innerhalb der Musik mit dem Wechsel der Erzählperspektive, aber auch mit einer Änderung des historischen Bezugspunktes einhergeht. So werden im ersten Teil zunächst die geschichtlichen Fakten quasi von außen betrachtet: Die Musik ist hier eine Art Spiegel, in dem sich die gewaltsame Eroberung durch die Japaner abzeichnet. Dabei beschreibt sie jedoch nicht nur den Terror, sondern entwirft ein komplexes Psychogramm der Ereignisse, deren gedanklich nacherlebte Brutalität die Musik gleichsam zum Erzittern bringt. Massive, schnelle und schmetternde Klangeinsätze des Orchesters und häufig wild sich aufbäumende, gewaltsam anmutende Klangattacken sind die Mittel, mit denen Sheng arbeitet, um die Gewalt in ein aktionsreiches Klanggeschehen umzusetzen.
Demgegenüber wechselt die Darstellungsart im zweiten Teil der Komposition zu einen Blick aus der Innenperspektive: Die Musik wird zum ergreifenden Klagegesang der geschändeten Frauen, deren Stimmen sich in dem klassischen chinesischen Lauteninstrument Pipa, einer viersaitigen Kurzhalslaute mit rundem Korpus ohne Schallöcher, verkörpern. Der trockene und doch lebendige Klang der Pipa, begleitet von den Klangfarben der Streicher, dominiert weite Strecken dieses Abschnitts. Insbesondere hier weist Shengs Musik über die jüngste Vergangenheit hinaus und gelangt zu historischen Schichten, die unter den an der Oberfläche thematisierten Ereignissen um die Stadt Nanking verborgen sind.
Dies vermittelt er über sein musikalisches Material und dessen Konotationen: Er verwendet Elemente, die einer lokalen, volkstümlich geprägten Operngattung Südchinas entstammen. Anders als die weitgehend auf pentatonischen Strukturen basierende chinesische Volks- und Kunstmusik, zeichnet sich diese Operngattung durch den modalen Charakter der ihr zugrundeliegenden Skalen aus und basiert damit auf einer für China eher untypischen Grundlage. Ihre Blütezeit fällt in das 14. Jahrhundert, in jene Zeit also, als Nanking unter der Ming-Dynastie zum letzten Mal den Status als südliche Hauptstadt des riesigen Reiches genoss, bevor der Regierungssitz zu Beginn des 15. Jahrhunderts nach Peking verlegt wurde. Zu dieser Zeit war Nanking ein großes, blühendes Handelszentrum an der Seidenstraße, ein Kreuzungspunkt zahlreicher Kulturen, in dem sich vielfältige Einflüsse aus den verschiedensten Regionen Ost- und Zentralasiens sowie des Vorderen Orients zu einem dichten Konglomerat zusammenballten und eigenständig entwickelten. Die changierenden Modi der volkstümlichen Oper sind hierfür ebenso Beleg wie die mindestens bis ins 2. Jahrhundert zurückreichende Abstammung der Pipa von den Lauteninstrumenten des zentralasiatischen Kulturkreises. Neben der Modalität als meldodisch-harmonischer Basis ist auch die Struktur des zweiten Teils von «Nanking Nanking» dieser lokalen Operngattung verpflichtet: Der Aufbau des gesamten Abschnitts orientiert sich an einem dramaturgisch konzipierten Formverständnis, das der Tempoabfolge langsamen-schnell-langsam folgt.
Nanking - die wechselnde Perspektive der musikalischen Schilderung und die verarbeiteten Einflüsse verdeutlichen, dass der Name dieser Stadt für Bright Sheng in gleichem Maße positiv wie negativ besetzte Chiffre ist: einerseits für den Schnittpunkt vielfältiger historischer Entwicklungen und für den Reichtum einer auf zahlreichen kulturellen Anregungen basierenden Gesellschaft, andererseits für die unberechenbare Barbarei und unmenschliche Gewaltausübung an unschuldigen Menschen. In seiner Partitur treffen sich all diese Linien, werden wie mit einem Brennglas fokussiert und zum Klingen gebracht. Shengs Komposition ist daher nicht nur ein gekonnt arrangiertes Zusammenwirken und Ineinandergreifen fein modellierter Klangsitutationen; darüber hinaus ist sie ein Mahnmal für den Frieden, das mit ihrem Rekurs auf verschiedenen historischen Schichten sehr eindringlich die Frage nach dem Recht des Menschen auf freie kulturelle Entfaltung stellt.
© 2000 by Stefan
Drees; Abdruck - auch auszugsweise - nur nach Rücksprache
mit dem Autor. Foto: Wah Lui
Links zu Bright Sheng:
[1] Der Text wurde abgedruckt in: Sieben Horizonte, Programmheft des Nordeutschen Rundfunks für die gleichnamige Konzertveranstaltung am 1. Januar 2000, Hamburg 1999, S. 55-59. Der Wortlaut wird hier unverändert, aber mit zusätzlichen Anmerkungen und Nachweisen wiedergegeben. [Zurück]
[2] Iris Chang: The Rape of Nanking : The Forgotten Holocaust of World War II. Penguin Books 1998. [Zurück]
[3] Zur Person John Rabes vgl. Erwin Wickert: John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking. Deutsche Verlagsanstalt: Stuttgart 1997. [Zurück]