Conceptualisms in Musik, Kunst und Film

Keine Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts hat sich kritischer mit der Institutionalisierung von Kunst auseinander gesetzt wie die Conceptual Art, die eine Verlagerung von akademischen Gattungstheorien in den Bereichen Kunst, Musik, Film und Literatur hin zu einer an der Rezeption orientierten Zuweisung von Bedeutungen bewirkt hat. Dass diesem Gebiet von musikwissenschaftlicher Seite her - gemessen an seiner Verbreitung - bislang relativ wenig Aufmerksamkeit zukam, dürfte damit zusammenhängen, dass man Phänomene wie "Klangkunst", "Instrumentales Theater", "Ephemere Musik", "Performance", "Experimentelle Musik" oder "Improvisation" immer noch gern in einzelne Schubladen verteilt, ohne ihre Vernetzung untereinander sowie mit anderen Kunstbereichen zu betrachten.

Solcher Einordnung setzt der von Christoph Metzger herausgegebene Sammelband Conceptualisms eine Vorstellung entgegen, der zufolge die Conceptual Art sich aus Kunstäußerungen zusammensetzt, in deren Wirkung sich die Randbereiche singulärer Künste zwar auf unterschiedliche Weise, aber doch immer so weit durchdringen, dass eine isolierte Betrachtung überhaupt nicht mehr möglich ist. Dabei wird der aus der Bildenden Kunst stammende Begriff Conceptual Art durch die allgemeinere Bezeichnung Conceptualisms ersetzt - was insofern berechtigt ist, als diese sowohl die Differenzen zwischen den Künsten aufhebt als auch der Pluralität der aufeinander treffenden Ansätze besser gerecht wird.

Die größte Stärke des Bandes, der als Begleitbuch zu dem gleichnamigen, im Herbst 2003 in Berlin durchgeführten interdisziplinären Festival konzipiert wurde, liegt sicherlich im gelungenen Nebeneinander von Beiträgen aus Wissenschaft und Praxis, das die Basis für einen wechselseitigen Dialog bildet. So kommen - ergänzt durch einen entsprechenden Bildteil - einige Künstler selbst zu Wort und kommentieren die Bezüge ihrer jeweiligen Konzepte. Neben den Texten von Johannes S. Sistermanns, Dieter Schnebel und Peter Ablinger ist der interessanteste Beitrag zu diesem Bereich der ausführliche Einblick, den Rolf Langebartels in die Arbeit seiner Galerie Giannozzo und deren Fixierung auf raum-, zeit-, situations- und ereignisbezogene plastische Arbeiten mit dem Klang gibt, da hier zwischen Kunstschaffen und -rezeption eine Brücke geschlagen wird.

Die wissenschaftlichen Beiträge kreisen das Phänomen der Conceptualisms von recht unterschiedlichen Blickwinkeln aus ein: So durchleuchtet Christoph Metzger (Conceptualisms versus Concept Art) die Geschichte des Begriffs, Dieter Daniels befragt dessen historische Wurzeln und Bedingungen (Der Dualismus von Konzept und Technik in Musik und Kunst von Duchamp und Cage bis zur Konzeptkunst), und Helga de la Motte-Haber (Konzeptkunst) widmet sich der Unschärfe von Definitionsversuchen. Zu den wichtigsten Beiträgen gehören Lydia Goehrs Aufsatz über die Zusammenhänge zwischen Theodor W. Adorno und den Conceptualisms (Gegen die Vögel! Theodor W. Adorno über Musik, Konzept und dialektische Bewegung) sowie Michael Gáls kritischer Essay Ein Wiedersehen mit der konzeptuellen Kunst, der die künstlerischen Ansätze konzeptueller Werke als bloße Provokationen beschreibt, denen das Kunstwerk mit seiner Evokation unendlicher ästhetischer Referenten und Effekte entgegensteht. Die Autoren anderer Beiträge erreichen diese Reflexionsdichte leider nicht und begehen mit der Beschränkung auf eine Kunstsparte gerade den Fehler, den das Buch eigentlich vermeiden möchte: So bleibt etwa Stefan Fricke in seinem ansonsten aufschlussreichen Text über Sven-Åke Johansson (Die Kunst des Sven-Åke Johansson, selbige auf der Straße und anderswo zu finden) allzu sehr dem Ausgangspunkt Musik verhaftet, während der Aufsatz von Ulrich Gregor (Film und Konzeptualismus. Über einige Tendenzen im Avantgardefilm) die Frage nach Klang und Ton im Film bedauerlicherweise ausblendet.

Diese Beispiele zeigen, dass der Band letztlich kein vollständiges Bild vermitteln kann. Obgleich die im Titel thematisierten Conceptualisms nach wie vor schwer fassbar bleiben, kann die Lektüre aber doch wichtige Denkanstöße vermitteln und zeigen, auf welche Weise man sich etwa aus ästhetischer oder historischer Perspektive bzw. vom Blickwinkel einer Theorie der Rezeption her der konzeptuellen Kunstproduktion annähern kann. Vor allem aber schärft das Buch den Blick für jene enge Verschränkung verschiedener Kunstrichtungen, die sich in der Bezeichnung Conceptualisms abzeichnet - und schafft damit die Grundlage für ein Verständnis, dem sich die entsprechenden Arbeiten von Künstlern jeglicher Couleur nicht mehr nach Sparten, sondern von ihrem konzeptuellen Ansatz her erschließt.

Conceptualisms. Zeitgenössische Tendenzen in Musik, Kunst und Film, hrsg. von Christoph Metzger im Auftrag der Akademie der Künste, Berlin. Saarbrücken: Pfau-Verlag 2003, 250 S., ISBN 3-89727-235-0.


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© 2004 by Stefan Drees