Komponieren für Kinder
Nach der hervorragenden Publikation zum österreichischen Klangnetze-Projekt hat der Pfau-Verlag aus Saarbrücken nun erneut einen Band vorgelegt, der sich mit der Dokumentation eines solch amibitionierten küntlerisch-pädagogischen Projekts befasst. Im Zentrum steht ein Kurs, der im Zeitraum von Januar bis Juli 1999 in der norddeutschen Kleinstadt Winsen an der Luhe stattfand und die Teilnehmer, allesamt Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 19 Jahren, dazu ermutigte, ausgewählten Orten, Gebäuden und Plätzen eigene Kompositionen zu widmen - ein Projekt, das seither alljährlich stattfindet und von den Mitgliedern des Ensembles L’Art pour l’Art (Astrid Schmeling, Matthias Kaul und Michael Schröder) sowohl initiiert als auch durchgeführt wird. Das knapp 124-seitige Buch Musik für eine Stadt gibt nicht nur Einblicke in den Ausgangspunkt dieses Unternehmens; darüber hinaus erläutert es auch eine Auswahl von Musikstücken und legt dabei die Phasen der Ideenfindung, die Entstehungsprozesse und die Verfahrensweisen der künstlerisch-musikalischen Umsetzung offen. Wie Astrid Schmeling in der Einleitung darlegt, wird "Komponieren" hier als Annäherung an die Musik verstanden, bei der zunächst die Wahrnehmung der Umwelt im Mittelpunkt steht. Deren Erscheinungsweise wird von den Kursteilnehmern erforscht, um daraus musikalische Erfordernisse für eine künstlerische Auseinandersetzung mit ihr abzuleiten. Entsprechende Abstraktionen von konkret Erlebtem werden von Kindern und Jugendlichen selbst vollzogen, musikalische Lösungen dafür werden - mit Hilfestellung des jeweiligen Lehrers - eigenständig gesucht. Darüber hinaus wird sehr geschickt der Fehler vermieden, die Schüler in ästhetische Korsette zu zwingen: Bereits vorhandene klangliche Erfahrungen werden bei der Entwicklung eigener Kompositionen ebenso akzeptiert wie Entscheidungen, die der Schüler auf der Basis von ihm Vertrautem fällt. Daher setzt die Teilnahme an den Kompositionskursen zwar Neugierde und Interesse, nicht aber eine musikalische Vorbildung voraus, weil in der Realisierungsphase nur die individuellen Fähigkeiten eines jeden Schülers wichtig sind. Den Gruppenstunden aus den frühen Stadien des Kurses widmen sich die ersten Kapitel. Die Texte beschreiben die Methoden, die von den drei Kursleitern im Umgang mit den unterschiedlichen Altersgruppen gewählt wurden, machen auf verschiedene Möglichkeiten und Verfahren aufmerksam und diskutieren diese im Kontext mit den spezifischen Problemen jeder Altersgruppe. Gemeinsames Element dieser Gruppenstunden ist die Hinführung der Schüler auf bestimmte Fragestellungen vermittels einfacher Übungen, zu denen die Schärfung der Aufmerksamkeit ebenso gehört wie die experimentelle klangliche Erkundung von Gegenständen der Natur oder des Alltags. Der Weg führt dabei immer über die Wahrnehmung zur Bewusstwerdung und macht damit die Erfahrung der Umwelt zur Basis des Nachdenkens über ein mögliches Musikstück. Die nachfolgenden Kapitel widmen sich einer Auswahl von Projekten, die im in Einzelunterricht entstanden sind. Detailliert wird anhand dieser Fallbeispiele aufgezeigt, wie die Schüler lernten, Kriterien zur Materialwahl zu finden und Entscheidungen über die Tauglichkeit musikalischer Schritte zu treffen. Vor dem geistigen Auge des Leser zieht so die Entstehung einiger stark differierender Kompositionen vorüber: ausgehend vom experimentellen Beginn über die Phase der Materialauswahl und die Erschließung struktureller und formaler Kriterien bis hin zur wichtigen Frage nach der Reproduzierbarkeit der Musik, die immer mit einer bestimmte Notation verknüpft ist. Die
Bedeutung dieser schmalen
Dokumentation ist nicht zu unterschätzen: Einerseits zeigt sie
Möglichkeiten
auf, der unbefriedigenden Situation des Musikunterrichts neue Impulsen
und
Kreativitätsschübe zu vermitteln; andererseits macht
sie auch deutlich,
wie der enge Kontakt mit der Entstehung von Musik zur Erfahrung der
Notwendigkeit
eigener Entscheidungsfähigkeit beitragen kann, was sich auch
auf andere
Lebensbereiche übertragen lässt. Das Buch ist daher
ein kraftvolles
Plädoyer für die Förderung von Kindern und
Jugendlichen, für
eine fantasievolle Unterstützung der Erforschung ihrer
kreativen Fähigkeiten,
die - um mit den einleitenden Worten Nicolaus A. Hubers zu reden -
jenseits
einer "fokussierten Strangulierung von Begabungen" durch Wettbewerbe
wie
Jugend komponiert und der damit verbundenen
"stromlinienförmigen Anpassung"
an öffentliche Erwartungen (S. 7) angesiedelt ist. Bedauern
lässt
sich allenfalls, dass dem Band keine Dokumentation einzelner Werke in
Form
einer Audio-CD beigegeben ist, was durchaus zu
begrüßen wäre,
aber wohl in diesem engen Rahmen nicht geleistet werden konnte.
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