Zum Geburtstag eines unbequemen Zeitgenossen
Den Mangel an einer kritischen Auseinandersetzung mit den künstlerischen Ansprüchen des Komponisten - denn eine solche wäre dringend nötig gewesen - vermag auch das fadenscheinige Argument nicht zu verdecken, mit dem Houben ihre Ausführungen rechtfertigen möchte: "Sprache musikwissenschaftlicher Analyse heute kann Gegenwärtigkeit gewinnen durch beharrliche Revision: Nicht eine wie auch immer geartete Analyse kann das Ziel sein, sondern der Prozess der Rede selbst. Hören kann eine Art Denken werden, und neues Denken verändert das Sprechen." Dass Sätze wie dieser lediglich ein Versuch sind, die Mängel ihres Schreibens zu verdecken, führen die 360 Seiten des Buches drastisch vor Augen: Hier gibt es weder einen thematischen Faden, noch eine erkennbare Systematik der Darstellung oder einen nachvollziehbaren Assoziationszusammenhang. Der Verzicht auf jegliches Instrumentarium logischer Argumentation führt daher zu einer sich ständig selbst reflektierenden Litanei über den "provisorischen Charakter" des Denkens und Sprechens, der das eigentliche Thema - den Komponisten Hespos - überdeckt. Was zudem an dieser Monographie irritiert, sind die historischen Scheuklappen, die sich Houben aufsetzt, um das Schaffen von Hespos vom Kontext der zeitgenössischen Kunst- und Musikszene isolieren zu können. Dies zieht eine Überbewertung zahlreicher Details nach sich und führt - bei aller Originalität von Hespos‘ Arbeiten - zwangsläufig zu einer gehörigen Schieflage: Denn in einigen Fällen, so etwa im Zusammenhang mit ihren Ausführungen zu Schriftbild und Notation, hätte die Autorin sehr gut daran getan, einen Blick über die Grenzen ihres Gegenstandes hinaus - etwa zu Vinko Globokar oder Dieter Schnebel - zu werfen. Stattdessen stellt sie haarsträubende Betrachtungen in den Raum, etwa dort, wo sie die Frage stellt, ob der Sprung des zweijährigen Hespos‘ vom Balkon der elterlichen Wohnung wohl als "Unternehmung musikalischer Natur" deutbar ist, in der bereits die Wurzeln jener vom Komponisten verfolgten Ästhetik des Risikos enthalten sind.
Bleibt die abschließende
Frage, ob sich die Lektüre von Houbens Hespos-Monographie
lohnt: Nein
- es ist ein enttäuschendes Buch ohne Erkenntnisgewinn, das
die Bedeutung
des Komponist in der Verkündung von Allgemeinplätzen
über
Hören und Stille festmacht. Seinen einzigen Wert
erhält die Publikation
durch die Präsentation bislang unveröffentlichter
Text- und Bildquellen sowie durch sein ausführliches Werk- und
Personenregister, anhand dessen sich der Leser präzise
über Hespos und seine Arbeit informieren kann. Doch all diese
Materialien sprechen letztlich für sich selbst und
bedürfen nicht der verdoppelnden Auslegung der Autorin.
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