Zum Geburtstag eines unbequemen Zeitgenossen

Passend zum 65. Geburtstag von Hans-Joachim Hespos hat Eva-Maria Houben im Pfau-Verlag Saarbrücken eine umfangreiche Monographie und damit ihre bislang vierte Publikation über den Komponisten vorgelegt. Doch leider gerät die Auseinandersetzung mit einem der unbequemsten zeitgenössischen Künstler zur Farce - hat die Autorin doch zum Gegenstand ihrer Untersuchung nur wenig mehr zu sagen als das, was man von Hespos selbst, von einem Komponisten also, der dem Reden und Schreiben über Musik seit jeher große Skepsis entgegen bringt, erfährt: Über weite Strecken hinweg paraphrasiert sie Briefe, Gesprächsfetzen und Dokumente, reiht Aufführungsanweisungen aus Hespos‘ Stücken aneinander und benötigt enorm viel Raum, um mit ausufernd Worten anzudeuten, was die Notenbeispiele ohnehin zeigen; darüber hinaus kopiert sie auch unverblümt den wuchernden Sprachstil des Komponisten. An den wenigen Stellen, an denen die Autorin als reine Chronistin auftritt, etwa dort, wo sie von Skandalen und gescheiterten Uraufführungen berichtet, wird das Buch zwar durchaus interessant; doch leider überwiegt auch hier jenes in sich kreisende Schreiben, in dessen Mittelpunkt - unerbittlich wiederholt - der Begriff des "Hörens" steht, und angesichts dessen der Leser den Eindruck nicht los wird, Houben habe eigentlich kein Buch über Hespos schreiben wollen, sondern den Komponisten lediglich instrumentalisiert, um ihre ästhetischen Vorstellungen über das Hören an den Leser zu bringen.

Den Mangel an einer kritischen Auseinandersetzung mit den künstlerischen Ansprüchen des Komponisten - denn eine solche wäre dringend nötig gewesen - vermag auch das fadenscheinige Argument nicht zu verdecken, mit dem Houben ihre Ausführungen rechtfertigen möchte: "Sprache musikwissenschaftlicher Analyse heute kann Gegenwärtigkeit gewinnen durch beharrliche Revision: Nicht eine wie auch immer geartete Analyse kann das Ziel sein, sondern der Prozess der Rede selbst. Hören kann eine Art Denken werden, und neues Denken verändert das Sprechen." Dass Sätze wie dieser lediglich ein Versuch sind, die Mängel ihres Schreibens zu verdecken, führen die 360 Seiten des Buches drastisch vor Augen: Hier gibt es weder einen thematischen Faden, noch eine erkennbare Systematik der Darstellung oder einen nachvollziehbaren Assoziationszusammenhang. Der Verzicht auf jegliches Instrumentarium logischer Argumentation führt daher zu einer sich ständig selbst reflektierenden Litanei über den "provisorischen Charakter" des Denkens und Sprechens, der das eigentliche Thema - den Komponisten Hespos - überdeckt.

Was zudem an dieser Monographie irritiert, sind die historischen Scheuklappen, die sich Houben aufsetzt, um das Schaffen von Hespos vom Kontext der zeitgenössischen Kunst- und Musikszene isolieren zu können. Dies zieht eine Überbewertung zahlreicher Details nach sich und führt - bei aller Originalität von Hespos‘ Arbeiten - zwangsläufig zu einer gehörigen Schieflage: Denn in einigen Fällen, so etwa im Zusammenhang mit ihren Ausführungen zu Schriftbild und Notation, hätte die Autorin sehr gut daran getan, einen Blick über die Grenzen ihres Gegenstandes hinaus - etwa zu Vinko Globokar oder Dieter Schnebel - zu werfen. Stattdessen stellt sie haarsträubende Betrachtungen in den Raum, etwa dort, wo sie die Frage stellt, ob der Sprung des zweijährigen Hespos‘ vom Balkon der elterlichen Wohnung wohl als "Unternehmung musikalischer Natur" deutbar ist, in der bereits die Wurzeln jener vom Komponisten verfolgten Ästhetik des Risikos enthalten sind.

Bleibt die abschließende Frage, ob sich die Lektüre von Houbens Hespos-Monographie lohnt: Nein - es ist ein enttäuschendes Buch ohne Erkenntnisgewinn, das die Bedeutung des Komponist in der Verkündung von Allgemeinplätzen über Hören und Stille festmacht. Seinen einzigen Wert erhält die Publikation durch die Präsentation bislang unveröffentlichter Text- und Bildquellen sowie durch sein ausführliches Werk- und Personenregister, anhand dessen sich der Leser präzise über Hespos und seine Arbeit informieren kann. Doch all diese Materialien sprechen letztlich für sich selbst und bedürfen nicht der verdoppelnden Auslegung der Autorin.

Eva-Maria Houben: hespos - eine monographie. Pfau-Verlag: Saarbrücken 2000. ISBN 3-89727-212-1.

 

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© 2003 by Stefan Drees