Blicke in die Komponistenwerkstatt

"Eigenständige Manuskripte von Werken und schriftliche Aufzeichnungen bedeutender schöpferischer Menschen wecken Interesse, weil sie einen Blick in die 'Werkstatt', in die Geheimnisse des Schöpferischen versprechen." (Vorwort, S. 11) Solche Blicke über die Schulter des Komponisten ermöglicht nun ein von Günter Brosche, dem Leiter der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, herausgegebener Band mit dem Titel "Musikerhandschriften".

Brosche hat autografe Seiten von insgesamt 80 Komponisten aus über 350 Jahren Musikgeschichte zusammen getragen; der Rahmen wird von Heinrich Schütz als ältestem und Wolfgang Rihm als jüngstem Komponisten gebildet. Seiner Auswahl hat der Herausgeber nicht nur musikalische Kriterien, sondern auch ästhetische Gesichtspunkte zu Grunde gelegt, wobei nahezu alle Arten von Notationen aus dem fraglichen Zeitraum dokumentiert werden. Skizzen, Particelle, Partituren, Klavierauszüge und Stimmen für Druckausgaben oder Aufführungen geben nicht nur Aufschluss über den historischen Wandel der Schreibgewohnheiten: sie lassen auch typischen Eigenschaften der jeweiligen Komponisten wie Charakter, Temperament oder auch Arbeitstechniken deutlich hervorteten, wie etwa deutlich wird, wenn man Beethovens schwer lesbares Gekritzel mit der pedantischen Handschrift Igor Strawinskys vergleicht.

Jedem der vierfarbig reproduzierten Handschriften ist auf der gegenüber liegenden Buchseite ein kurzer Essay gegenüber gestellt, der zum einen über den jeweiligen Komponisten Aufschluss gibt, darüber hinaus aber über Hintergründe oder auch Anlass und Entstehung der reproduzierten Werke oder deren Geschichte informiert sowie gezielt auf spezifische Eigenarten des gezeigten Beispiels aufmerksam macht. Das Buch ermöglicht so einen hervorragenden Einblick in unterschiedliche Schreibgewohnheiten, aber auch in ästhetische Gesichtspunkte, die bei der Niederschrift von Musikwerken eine Rolle spielen. Und da gibt es allerhand Details zu entdecken, die bei gedruckten Noten zwangsläufig verloren gehen, so das Ringen um einzelne Details des Notentextes, aber auch die Mühe oder Leichtigkeit, mit der manche Passage niedergeschrieben wurde.

Kein Zweifel: der großformatige Band vermag das Interesse an der Arbeit des Komponisten zu wecken, in dem er den Leser und Betrachter hinter die Fassaden des fertigen Werkes lässt - eine sehr empfehlenswerte Anschaffung also für all jene, die sich gern etwas tiefer mit der Musik und den Bedingungen ihrer Entstehung beschäftigen möchten

Günter Brosche (Hrsg.): Musikerhandschriften. Von Heinrich Schütz bis Wolfgang Rihm. Reclam: Ditzingen 2002. ISBN 3-1501-0501-3.

 

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© 2002 by Stefan Drees