Wertvolle Bereicherung der barocken Kammermusik-Literatur
Der Verlag hat nun kürzlich seine dreibändige Edition der "Sonates pour le viollon et pour le clavecin" (1707) von Elisabeth-Claude Jacquet de la Guerre (1665-1729) abgeschlossen. Die musikalisch sehr abwechslungsreichen Sonaten, die zu den ersten französischen Werken ihrer Gattung zählen und daher einen sehr wichtigen Beitrag zur Entwickung der Kammermusik darstellen, sind durch eine Reihe eigenwilliger Stilmerkmale gekennzeichnet. Zu ihnen gehören die vielgliedrigen Formen, die aus insgesamt vier bis neun Sätzen gebildet werden: die einzelnen Sätze - überwiegend mit Tempoüberschriften versehen, aber gleichfalls in vielen Fällen auch als Arias oder Tänze bezeichnet - werden nach Gesichtspunkten der Kontrastbildung aneinander gereiht, ohne dabei einem bestimmen Muster zu folgen. Zu den stilistischen Merkmalen der Sonaten gehören darüber hinaus auch die beachtliche Vielfalt unterschiedlicher Kompositionestechniken, die jeweils zu einem einheitlichen Gesamtbild verschmolzen werden, sowie die kunstvolle Ausarbeitung der Violine, der stellenweise eine äußerst selbstständige - mitunter gar solistische - Führung der Bassstimme gegenüber steht. Die Furore-Ausgabe der zwölf Sonaten besticht zunächst einmal durch ihr angenehmes Notenbild: Die durchdachte Seitenaufteilung, durch die das lästige Umblättern während der einzelnen Sätze vermieden wird, verdeutlicht, dass der Adressat vor allem der ausübende Musiker ist, der hiermit Zugriff auf eine wichtige Bereicherung des barocken Repertoires aus dem Bereich der französischen Kammermusik erhält. Der solchermaßen präsentierte Urtext darf jedoch nicht über das grundsätzliche Problem hinwegtäuschen, dass editorisches Vorgehen, so gründlich es dokumentiert ist, immer als Eingriff betrachtet werden muss. Das Ideal sollte daher darin liegen, dem Interpreten ein Mindestmaß an aufführungspraktischen Erwägungen an die Hand zu geben und zugleich ein Höchstmaß an Treue zum Quellentext an den Tag zu legen. Dies wird von der Herausgeberin auf überzeugende Art geleistet. Anhand eines ausführlichen Vorworts informiert sie nicht nur kompetent über die Entstehungsbedingungen und Besonderheiten der Musik, sondern vermittelt den potenziellen Interpreten auch Einblicke in eine Reihe wichtiger aufführungspraktischer Details. Dabei wird Problemen wie der Ausführung wichtiger Verzierungen ebenso Rechnung getragen wie der für die Besetzung eines modernen Violoncellos notwendig gewordenen Transposition einzelner Passagen der Bassstimme. Die ausführlichen Notizen zum editorischen Vorgehen sowie der kritische Bericht, über den sich vor allem der interessierte Wissenschaftler freuen dürfte, zeigen zudem, mit welcher Akribie sich Carol Henry Bates diesen Fragestellungen gewidmet hat. Allein die Aussetzung der Continuo-Stimme wirkt in ihrer Beschränkung auf die einfachsten Notenwerte etwas rudimentär. Hier erweist sich, dass eine Aufführung der Sonaten auf jeden Fall mit einem Studium zeitgenössischer Aufführungsgewohnheiten verbunden werden sollte und einen versierten Cembalisten erfordert, der dem harmonischen Gerüst die nötige Lebendigkeit einhaucht. Dies wird auch durch die häufig recht kargen Kantilenen der langsamen Sätze nahe gelegt, die vom Violinsten einen durchdachten Gebrauch von Verzierungstechniken erfordert. In Anbetracht dieser Beobachtungen scheint mir die kurze Charakterisierung der Sonaten als "relativ einfach - ähnlich den Händel-Sonaten", wie sie sich auf der Homepage des Furore-Verlages findet, nicht ganz zutreffend, da sie den Gebrauch der Kompositionen im frühen Violinunterricht nahezulegen scheint. Viel eher richtet sich die Edition an die Gruppe erfahrener Interpreten, die sich mit alter Musik beschäftigt oder die Auseinandersetzung mit aufführungspraktischen Fragen nicht scheut. Darüber hinaus steht jeder außer Frage, dass Carol Henry Bates hier eine wichtige und bedeutende Edition vorgelegt hat, die eine empfindliche Lücke im Bereich der französichen Violinmusik schließt. Elizabeth-Claude Jacquet de la Guerre (1665-1729): Sonates pour le viollon et pour le clavecin (1707). Band 1: Sonata I (d), Sonata II (D). fue 290; ISMN: M-50012-190-9; Euro 18,00. Band 2: Sonata III (F), Sonata IV (g). fue 350; ISMN: M-50012-850-2; Euro 28,00. Band 3: Sonata V (a), Sonata VI (A). fue 392; ISMN: M-50012-892-2; Euro 28,00.
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