Skalkottas, Schönberg und die Zwölftontechnik
Judit Alsmeiers Betrachtungen zeigen, dass Skalkottas bereits in seinen frühesten Zwölftonkompositionen aus den späten 1920er Jahren nach den Prinzipien eines Verfahrens arbeitet, das Schönberg als "Komponieren mit Tönen" bezeichnet, wobei der Terminus "Komposition" hier im Sinne musikalischer Logik zu verstehen ist. Daher zeige sich in Skalkottas' Werken der Berliner Jahre - so die Autorin - Schönbergs Methode gleichsam im "Urzustand"; mit diesem Wissen um das Eigentliche ausgerüstet kehrte der Grieche 1933 nach Athen zurück und verbrachte dort den Rest seines Lebens in absoluter Isolation. Ein umfassender Teil des Buches widmet sich der Untersuchung von Skalkottas' Komponieren. In ihm kommt die Autorin zu dem Schluss, dass der Komponist die Reihe prinzipiell als Bezugssystem von Tonqualitäten begreift, dem der Tontausch inhörent ist; dem Wiedererscheinen bestimmter Tonqualitäten innerhalb spezifischer Konstellationen misst er daher eine größere Bedeutung bei als der Wiederkehr bestimmter Intervallkonstellationen. Diese aufschlussreiche Folgerung beruht auf einer Fülle von akribischen Analysen zahlreicher Kompositionen, die durch den Umstand erschwert wurden, dass es keine Skizzen gibt, die Skalkottas' Arbeit mit Zwölftonreihen dokumentieren. Die Frucht dieser Bemühungen sind faszinierende Einblicke in die Strukturierung und Verarbeitung von Reihen, die durch zahlreiche Notenbeispiele und Tabellen ergänzt werden. Zwar fordert die Darstellung der komplexen analytischen Zusammenhänge dem Leser ein hohes Maß an Mühe und Geduld ab; doch bleiben die Ergebnisse allemal spannend und dürften auch - aufgrund des im Anhang der Arbeit abgedruckten Fehlerverzeichnisses, in dem die problematischen Passagen aller analysierten Partituren gegebenenfalls mit Hinweisen zur Korrektur aufgeführt sind - für Dirigenten und Interpreten äußerst nützlich sein. Bedeutend ist die umfassende Studie aber nicht nur, weil sie einen unverzichtbaren Grundstein zur künftigen Beschäftigung mit Nikos Skalkottas legt; wichtig ist sie vor allem auch, weil sie minutiös belegt, wie sehr die wissenschaftliche Literatur zum Komponieren Arnold Schönbergs durch allerlei Fehlurteile und -interpretationen belastet ist. So zeigt die Autorin nicht nur souverän, dass Skalkottas' Art, mit zwölf - und mehr - Tönen zu komponieren, der gängigen Vorstellung entgegen steht, in Schönbergs Zwölftonmethode sei die abstrakte, nicht notierbare Intervallstruktur entscheidend; durch eine Fülle eindrucksvoller Belege und Quellen, die bisher von der Schönberg-Forschung weitgehend vernachlässigt wurden, kann Judit Alsmeier im ersten Teil ihrer Arbeit zudem glaubhaft machen, dass diese Auffassung keine persönliche Entwicklung des griechischen Komponisten ist, sondern auch auf Schönbergs eigene Werke zutrifft. So bleiben nach der äußerst lohnenswerten Lektüre des Buches vor allem zwei Dinge zu hoffen: zum einen, dass die Ergebnisse dieser Arbeit die Initialzündung zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung mit dem eindrucksvollen Schaffen von Nikos Skalkottas bilden; zum zweiten, dass sie auch Einzug in die Untersuchung des Schönbergschen Komponierens halten und dort die Diskussion über grundlegende Deutungen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten neu entfachen. Judit Alsmeier: Komponieren mit Tönen. Nikos Skalkottas und Schönbergs «Komposition mit zwölf Tönen». Pfau-Verlag: Saarbrücken 2000. ISBN 3-89727-124-9.
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