Ein Mythos wird demontiert

Obgleich es wohl keine größere Veröffentlichung zur Musikgeschichte des Abendlandes gibt, in der nicht auf die Bedeutung der sogenannten Notre-Dame-Musik des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts hingewiesen wird, blieben Leben und Schaffen ihres Hauptvertreters, des Magister Perotinus, bislang im diffusen Dunkel der Vergangenheit verborgen. In seiner Untersuchung Perotinus musicus. Wegbereiter abendländischen Komponierens unternimmt der Mittelalter-Forscher Rudolf Flotzinger nun einen beherzten Versuch, das gängige Bild dieser Epoche zu revidieren und durch ein völlig neues zu ersetzen.

Nachdem vor über einem Jahrzehnt bereits die wichtigsten Rahmendaten für eine Biografie von Perotins Vorgänger Leoninus aufgefunden werden konnten, breitet der Autor hier nun noch einmal sämtliche bisherigen Hypothesen zur Identität des Perotinus vor dem Leser aus, untersucht sie kritisch auf ihren Wahrscheinlichkeitsgehalt, reduziert sie auf die tatsächlich gesicherten Bestandteile und fügt sie zuletzt mit zahlreichen neuen Gesichtspunkten bereichert - unter Bezug auf eine Neuinterpretation der einschlägigen Theoretikerzitate sowie unter Befragung des historischen und kulturellen Umfelds - erneut zusammen.

Das wichtigste Ergebnis dieser akribischen Suche ist die These, dass sich die Lebensläufe von Leoninus und Perotinus nicht - wie immer angenommen - als Stationen einer logisch aufeinander folgenden musikalischen Entwicklung interpretieren lassen, sondern dass beide Komponisten offenbar gar aus verschiedenen musikalischen Traditionen stammen und somit weniger Verbindungen aufweisen als bisher vermutet. Flotzingers Identifizierung des Perotinus mit der historischen Gestalt des Petrus Parvus, um 1170 in Aquitanien geboren, sowie der Versuch, seine Biografie aus minimalen Daten zu rekonstruieren, bleibt in ihren Argumentationsgängen nachvollziehbar und schlüssig, auch wenn die Folgerungen in weiten Teilen lediglich auf Indizien beruhen. Dennoch hat die These des Autors den großen Vorteil, dass sie eine Reihe von Problem ausräumen kann, die der Forschung bislang Schwierigkeiten bereiteten.

Darüber hinaus hat der Identifizierungsversuch jedoch auch weit reichende Konsequenzen für die Deutung von Perotins Kompositionen und macht eine Neubewertung seines Schaffens unumgänglich. Im zweiten Teil des Buches befragt Flotzinger daher den Fundus der ihm zugewiesenen Werke und untersucht sie - veranschaulicht durch zahlreiche Notenbeispiele - unter musiktheoretischen Aspekten auf die Kennzeichen eines Personalstils; dabei kann er eine Reihe von kompositorischen Deatails isolieren, die den Individualismus im musikalischen Denken des Perotinus untermauern und damit eine deutliche Wende hin zur personengebundenen musikalischen Schöpfung markieren.

In seiner Gesamtheit ist Flotzingers Buch nicht nur eine spannende Lektüre, die mit Sicherheit rasch dem Kanon der Standardwerke zur Musik des Mittelalters angehören wird. Seine Untersuchung leistet darüber hinaus einen entscheidenden Beitrag zum besseren Verständnis der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen jenen beiden Komponisten, die zu den frühesten namentlich bekannten gehören und die Musikentwicklung in Europa weithin geprägt haben.

Rudolf Flotzinger: Perotinus musicus. Wegbereiter abendländischen Komponierens. 204 Seiten mit Notenbeispielen; gebundene Ausgabe. Schott: Mainz u.a. 2000. ISBN 3-7957-0431-6.

 

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© 2001 by Stefan Drees