Lesegänge durch ein Komponistenleben

Wer sich noch vor kurzer Zeit mit dem Leben, Denken und Schaffen des 1930 in Lahr/Baden geborenen Komponisten Dieter Schnebel beschäftigen wollte, musste zu diesem Zweck auf diverse, in Zeitschriften und Buchpublikationen verstreute Beiträge zurückgreifen, in deren Brennpunkt jeweils unterschiedliche Aspekte von Schnebels Arbeit stehen. Eine umfassende Darstellung von Leben und Werk des Komponisten, der ohne Zweifel zu den profiliertesten und zugleich universellsten der Nachkriegszeit gehört, ließ allerdings lange auf sich warten. Diese Lücke wird nun endlich von einer Monografie gefüllt, die Gisela Nauck jüngst im Schott-Verlag Mainz veröffentlicht hat.

"Lesegänge durch Leben und Werk" - so nennt die Autorin ihr umfassendes Buch. Der Titel ist gleichsam Programm, versucht Gisela Nauck doch, dem Leser die enorme Vielschichtigkeit von Schnebels Wirken, in dem sich die Tätigkeiten des Komponisten, Theologen, Pädagogen und Musiktheoretikers miteinander verquicken, Schritt für Schritt nahe zu bringen. Dieser Aufgabe stellt sie sich, indem sie die persönliche und künstlerische Entwicklung des Komponisten innerhalb bestimmter biografischer Zeitabschnitte - folgend den sechs Hauptstationen seines Lebens und jeweils gekennzeichnet durch spezifische berufliche Tätigkeiten und Anstellungen - zu den Eigenheiten seiner Musiksprache in Beziehung setzt.

Form und Struktur des Buches folgen so der chronologischen Anordnung von Schnebels Lebenssituationen sowie den charakteristischen Prinzipien, die sein Komponieren in diesen Phasen bestimmen. Jedes der sechs Großkapitel beginnt mit einem biografischen Abriss, wird durch schlagworttartige Äußerungen Schnebels zu theologischen oder kompositorischen Fragestellungen ergänzt - meist Schriftstücke oder Textpassagen, die hier erstmals veröffentlicht sind - und erfährt schließlich eine Präzisierung durch theoretische Exkurse über die maßgeblichen Richtungen seines ästhetischen Denkens. Da bereits die Titel der Kapitel die Hauptaspekte der Lebenssituation oder des jeweiligen ästhetischen Denkens und künstlerischen Handelns fokussieren, ist der Leser nicht unbedingt gezwungen, der Chronologie der Ereignisse zu folgen, sondern kann die Monografie auch ganz gezielt als Quelle für bestimmte Informationen zu Leben und Werk benutzen. Ergänzt ist Gisela Naucks Textanordnung schließlich durch reichhaltiges Bildmaterial, das visuelle Eindrücke aus Schnebels Umfeld ebenso vermittelt wie konkrete Eindrücke seiner Partituren und Skizzen.

Auf Grund dieser Anordnung gelingt es der Autorin nicht nur, den vielschichtigen Zusammenhang zwischen Leben, künstlerischer Entwicklung, kultureller Vermittlungsarbeit und Werk Dieter Schnebels transparent zu machen; ihr Buch wird darüber hinaus zu einem tiefgründigen Kompendium über die Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - eine Musik, mit derern Bedingungen und Notwendigkeiten sich Schnebel immer wieder auseinander setzt. Dabei wird insbesondere sichtbar, wie umfassend die musik- und zeitgeschichtlichen Aspekte sind, auf die sein Schaffen immer wieder reagiert. Komponisten wie Arnold Schönberg und John Cage, aber auch kulturgeschichtlich bedeutende Denker wie Sigmund Freud, Karl Barth und Ernst Bloch haben seine künstlerischen Äußerungen immer wesentlich geprägt. Die kreativen Resultate dieser Auseinandersetzungen äußern sich in einem Komponieren, dessen zutiefst dialektische Denkhaltung der Tradition einen ebenso wichtigen Stellenwert wie dem Fortschritt einräumt.

Im Mittelpunkt der ausführlichen Werkbetrachtungen stehen Schnebels innovative musikalischen Konzepte eines "genuinen Musiktheaters", der Erneuerung von geistlicher Musik und Schulmusik, der Entwicklung einer Musik aus Sprache und die Erfindung einer sogenannten "psychoanalytischen Musik", denen jeweils im Zusammenhang mit den einzelnen biografischen Stationen nachgespürt wird. Gisela Nauck zeigt so die Voraussetzungen eines Denkens und Arbeitens, dessen Leitfaden immer das Ideal einer "Musik als Prozess" ist - ein Konzept, an dem Komponist, Interpret und Hörer immer gleichberechtigt beteiligt sind, und das Dieter Schnebel bis heute in seiner ganzen Konsequenz verfolgt.

"Das erste Buch über den Komponisten, Theologen, Pädagogen und Musiktheoretiker Dieter Schnebel musste sich der Aufgabe stellen, der Vielschichtigkeit dieses Lebens und Schaffens gerecht zu werden: dem gleichberechtigen Nebeneinander der verschiedenen Berufe und Berufungen ebenso wie den eigenwilligen Verzweigungen seiner Musik." (S. 8) Die schwierige Aufgabe, die sich Gisela Nauck hier selbst im Vorwort stellt, löst sie mit zielbewusster Konsequenz und bewundernswerter Eleganz. Es gelingt ihr, beim Leser das Interesse für ein kompositorisches Schaffen zu wecken, das in seiner Art und Vielfalt im Bereich der Nachkriegsavantgarde einzigartig dasteht. Dabei bleibt - allen Reflexionen über ästhetische und kompositionstechnische Fragestellungen zum Trotz - die Person des Komponisten immer sichtbar, wird das klingende und szenische Ergebnis seines Schaffens tief in den Bedingungen des Lebens und Wirkens verankert.

Selbst bei der - freilich meist nur angerissenen - Darstellung komplexer musikalischer Zusammenhänge vermag die Autorin den Leser mit ihren Ausführungen zu fesseln und macht ihm mithin Lust auf die solchermaßen beschriebene Musik. Entstanden ist so nicht nur ein begrüßenswertes Standardwerk über den Komponisten Dieter Schnebel, sondern auch ein rundherum empfehlenswertes, sehr spannend zu lesendes Buch, das gewiss auch bei demjenigen, der sich in den Regionen der zeitgenössischen Musik weniger zu Hause fühlt, auf Interesse stoßen dürfte und einen gewichtigen Einblick in die brennende Aktualität und Relevanz des Schnebelschen Komponierens und Denkens vermittelt.

Gisela Nauck: Dieter Schnebel. Lesegänge durch Leben und Werk. 370 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen, Anhang und Register; gebunden mit Schutzumschlag. Schott: Mainz u.a. 2001. ISBN 3-7957-0303-4 (ED 8479)

 

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© 2001 by Stefan Drees