Poetisches
Fabulieren
Wie erzählt
man
musikalische Geschichten? Dies zeigt Stephan Froleyks in seinem
Klangkunstwerk so sieht die welt in blau aus
(2004), mit dem ihm ein
richtig großer Wurf gelungen ist. Was hier mit dem
bescheidenen Untertitel "neue klänge, feine musik" daherkommt,
erweist sich beim Hören
als einzigartiges musikalisches Fabulieren, das vor Erfindungsreichtum
nur
so strotzt - fantasievoll, von skurilen Ideen überquellend und
voller
Poesie. Mit selbstkonstruierten Instrumenten oder umfunktionierten
Alltagsgegenständen - zu nennen sind eine
Flötenmaschine, eine Saitenwanne, eine geschweifte Tuba, ein
Messertisch und Blumenkästen aus Ton - rückt Froleyks
den vier in Worten erzählten oder auch verschwiegenen
Geschichten ideenreich zu Leibe und erfindet hierzu eine auf
sprachähnlichen Gesten basierende Klangsprache
Da
ist zum Beispiel die Geschichte von Bartleby, jenem
Büroangestellten aus der gleichnamigen Novelle Hermann
Melvilles, der ganz allmählich seine Arbeit einstellt (Bartleby).
Oder da ist die Geschichte vom stillen Garten, dessen Stille jedoch
nicht vollkommen ist, sondern die Laute von Kirchenglocken,
Beinengesumm, Schritten, Wind und Straßengeräusch in
sich aufhebt (Stiller Garten). Oder da steht das
buddhistische Märchen vom Trommler und seinem Sohn im
Mittelpunkt, das thematisch die Kunst des rechtzeitigen
Aufhörens umkreist (Storyteller).
All diese Geschichten,
insgesamt vier Stück an der Zahl, sind durch paarweise
angeordnete, kaum eineinhalbminütige Zwischenspiele - in
Anlehnung an die darin
verwendeten Blumenkästen als Toppots
bezeichnet - voneinander
getrennt. Teils im Multitrack-Verfahren mit sich selbst musizierend (so
in Ich spiele zusammen, keiner spielt allein),
teils mit Unterstützung
von Musikern wie Mike Svoboda (Posaune in Bartleby)
und Georg Hajdu
(Live-Elektronik und Ko-Komponist in Storyteller),
werden hier assoziativ
aufgeladene Klänge zu transparenten Klangnetzen ausgesponnen,
deren
suggestive Wirkung die Fantasie des Hörers
unermüdlich anregen
kann. So werden die zugrundeliegenden Geschichten lebendig und beginnen
äußerst beredt durch die Musik zu sprechen.
Abgerundet
wird dieses kurzweilige und auch
in klangtechnischer Hinsicht bestechende Werk, das
in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren bei der edition moyland
erscheinen ist, durch eine für jede CD individuell gestaltete
weiße Kartonhülle mit blauem Farbauftrag. Dass das
mir vorliegende Exemplar sich nicht auf
allen CD-Playern abspielen lässt und in einigen
Geräten sogar erheblich Schwierigkeiten provoziert, sollte
allerdings nicht verschwiegen werden.
Stephan Froleyks: so
sieht die welt in blau aus. neue klänge, feine musik
(2004). Mitwirkende: Stephan Froleyks (selbstkonstruierte Instrumente,
Schlagzeug), Mike Svoboda (Posaune), Stephan Schomaker (Gitarre),
Stephan Schulze (Posaune), Gereon Voß (Schlagzeug), Georg
Hajdu (Live-Elektronik), Alexander
Seitz (Stimme), Konrad Winkels (Stimme). - edition moyland,
NURNICHTNUR
Kunst- und Musikproduktion, BERLSTON 1031029
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© 2004 by
Stefan Drees
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