Lebendige Klanggestalten


Mit der Produktion Si bleu, si calme hat das österreichische Label Kairos der 1969 geborenen Japanerin Misato Mochizuki eine äußerst gelungene Porträt-CD gewidmet. Die fünf eingespielten Ensemble- und Kammermusikwerke verdeutlichen, warum Mochizuki zu den aufregendsten Komponistinnen der jüngeren Generation gehört: Immer wieder sieht sich der Hörer minutiös strukturierten, bis in die feinsten Verästelungen hinein sorgfältig ausgehörten Klanggebärden gegenüber, die sich auf immer wieder andere Weise vom Prozess des organischen Wachsens beeinflusst zeigen - eine gestalthaft konzipierte Musik, deren Erscheinungsweise sich ständig verändert.

Insbesondere in den drei eingespielten Ensemblekompositionen wird deutlich, auf welch phänomenale Weise Mochizuki den Umgang mit dem Klang und seinen unterschiedlichen Schattierungen beherrscht. Den Musikern des Klangforums Wien ist es zu verdanken, dass das Hören dieser Werke zu einem vielschichtigen Abenteuer gerät: Unter der üblich souveränen Leitung von Johannes Kalitzke wird die zwischen narrativem Diskurs und großer Detailverliebtheit lokalisierbare Ästhetik der Komponistin zum lebendigen Klingen erweckt, ohne dass dabei das spielerische Moment der Musik auf der Strecke bleibt. Einer der vielen Höhepunkt dieser musikalischen Befragung des Komponierten ist sicherlich das Werk Si bleu, si calme (1997), in dem die kontinuierliche Veränderung zweier kontrastierender Ausgangsstrukturen Zustände unterschiedlicher Dichte und Komplexität erzeugt und die Übergänge zwischen Ruhe und Bewegung musikalisch packend zelebriert werden.

Ein weiterer Höhepunkt der Produktion ist das Stück Chimera (2000): Hier spielt sich die begrenzt lebensfähige Vermischung verschiedener Lebensformen, in der Biologie als "Chimäre" bezeichnet, in der gekonnt inszenierten Vermischung verschiedener stilistischer Ebenen ab, deren kurzes Leben durch eine pointenreiche Musiksprache charakterisiert ist - eine Element, das Kalitzke sehr wirkungsvoll mit dem Ensemble herauszuarbeiten versteht. Ein großes Lob verdienen aber auch die beiden spannungsreich gestalteten Kammermusikwerke All that is including me für Bassflöte, Klarinette und Violine (1996) und Intermezzi I für Flöte und Klavier (1998), bei denen vor allem Eva Furrer mit ihrem fulminanten, zwischen Geräusch und Verlöschen pendelndem Flötenspiel herausragt.

Misato Mochizuki: Si bleu, si calme. Si bleu, si calme (1997) für Ensemble; All that is including me (1996) für Bassflöte, Klarinette und Violine (1996); Chimera (2000) für Ensemble; Intermezzi I (1998) für Flöte und Klavier; La chambre claire (1998) für Ensemble. Klangforum Wien. Leitung: Johannes Kalitzke.- CD KAIROS 0012402KAI

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© 2004 by Stefan Drees