Vorbildliche Präsentation

Ludger Brümmer, derzeitiger Leiter des ZKM Karlsruhe, gehört zweifellos zu den vielseitigsten Komponisten auf dem Gebiet der elektronischen Musik. Eine DVD-Produktion des Labels Wergo stellt nun fünf seiner Werke vor, die auf ganz unterschiedliche Weise die Möglichkeiten elektronischer Klangproduktion nutzen, wobei zwei Arbeiten mit Videos der Künstlerin Silke Braemer kombiniert sind. Lizard Point (1997) ist als Studie über unterschiedlich komplexe, dicht gefügte Geräuschklänge und Klangräume angelegt. Während an den formalen Schnittstellen Musik und Video miteinander in Deckung gebracht sind, entwickeln sie sich ansonsten ihrer medialen Möglichkeiten gemäß auf Basis des jeweils exponierten Materials. Die musikalischen Spannungsmomente - darunter ständig sich verändernde Crescendostrukturen und kontinuierlich variierte Felder aus repetitiven  Impulsen - werden von Braemer in eine eigenständige Bildsprache umgesetzt, in der graphische mit choreographischen Elementen konvergieren. Basierend auf den gestischen Qualitäten der Musik entsteht so ein Erlebnisraum aus Bild und Ton. Im Gegensatz dazu steht das Video Le temps s’ouvre zu Brümmers Komposition -> Thrill <- (1999) ganz im Zeichen einer Überlagerung visueller und auditiver Wahrnehmung: Während Brümmer den computergenerierten Klängen die Klangtexturen realer Materialien im Sinne einer "musique concrète" zugrunde legt, setzt sich Braemers Video mit der Visualisierung physikalischer Modelle auseinander, woraus eine Animation resultiert, in deren Mittelpunkt die Darstellung verschiedener Bewegungsqualitäten steht.

Die übrigen Werke Brümmers überzeugen ebenfalls durch einen differenzierten Umgang mit den jeweils zugrunde liegenden Materialien: In Phrenos (1997) sind es die gegensätzlichen Klangtypen einer lachenden und sprechenden menschlichen Stimme sowie Klänge instrumentaler Herkunft, in denen das Crescendo eine wichtige Rolle spielt. Aus diesen Grundlagen modelliert Brümmer einen Klangraum, der sich immer wieder in rhythmische Muster auflöst. Das Stück de la nuit (1999) verarbeitet heterogene Grundmaterialien zu einer sphärischen Musik, und das gleichermaßen durch spannungsgeladene Stillephasen wie stark räumliche Klangwirkungen ausgezeichnete Inferno der Stille (2000) entpuppt sich als Versuch, ein Fragment aus dem "Introitus" von Mozarts Requiem in unterschiedliche Aggregatzustände zu versetzen.

In ihrer Gesamtheit macht die Produktion nicht nur die Vielfalt von Ludger Brümmers Komponieren erfahrbar, sondern zeigt auch auf vorbildliche Weise die Möglichkeiten des Mediums DVD: Alle Arbeiten werden hier in ihren ursprünglichen, mehrkanaligen Formaten veröffentlicht und liegen im Audioteil der Produktion im LPCM-Modus (also ohne Datenreduktion mit 16 bzw. 24 Bit und 48 kHz Abtastrate) vor. Da der Videoteil der DVD die Musik in den Formaten Dolby Digital (AC-3) und dts enthält, kann der Benutzer zwischen den unterschiedlichen Kodierungen des selben Stückes wechseln, um den klanglichen Unterschieden dieser technischen Bearbeitungen nachzuspüren. Von der ursprünglich achtkanaligen Komposition Inferno der Stille, die aus Gründen der DVD-Kompatibilität fünfkanalig abgespeichert ist, liegen zusätzlich auf der DVD-ROM-Partition die originalen acht Kanäle in einzelnen AIFF-Dateien vor, wodurch - ein entsprechendes Harddisk-Recording-System vorausgesetzt - das Stück auch in der Originalversion zum Klingen gebracht werden kann.

Ludger Brümmer, -> Thrill <-: Phrenos (1997); Lizard Point (1997) mit dem gleichnamigen Video von Silke Braemer; de la nuit (1999); -> Thrill <- (1999) mit dem Video Le temps s'ouvre von Silke Braemer; Inferno der Stille (2000). - DVD Audio/ Video/ ROM, WER 2059 2 (edition zkm 9)

 

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© 2003 by Stefan Drees