Überraschende Wendungen

Unangepasst ist sie schon, diese Musik: Sie lässt sich nicht einfach einordnen, man findet schwer ein passendes Stichwort, mit dem man sie in eine der beliebten Schubladen einordnen kann. Und das ist auch gut so. Ganz konkret ist hier die Rede von dem Komponisten Jens Joneleit (* 1968) und seiner Kammermusik, die mit insgesamt fünf Werken aus den Jahren 1998 bis 2001 auf einer neuen Produktion des Labels CYBELE vorgestellt wird. Was nennt das Booklet da für heterogene richtungsweisende Einflüsse auf sein Schaffen: zum einen die Klangmonolithe Anton Bruckners sowie dessen Fähigkeit, aus der Stille zu schöpfen; dann die Geste des Gewährenlassens in der Musik Morton Feldmans, aber auch die entgegengesetzte Geste des Aufbegehrens, die Luigi Nono wie kein anderer mit dem Moment des instrumentalen Singens zu verbinden wusste. All dies fließt in einer sehr persönlichen Art des Komponierens zusammen.

Da gibt es Momente, die man zu kennen scheint: ein ruhig dahingespielter Klavierakkord in "il canto l'interno, ... nell'intimo" (1998) etwa, der einem das Gefühl vermittelt, dass es zunächst ganz anders weitergehen müsse, oder die grotesk zugespitzten Figuren der Piccoloflöte ebenda, die aufplatzenden Klangblumen in den Bläser, die expressiven Sprachgesten instrumentaler Duo-Gesänge, die einer ganz anderen Musik zu entstammen scheinen; aber auch die abrupten Wechsel der Tongebung, die ruhig dahinfließenden oder stürmisch explodierenden Klangströme, die scheinbar ins Tonale abgleitenden wollende Musik oder die fahle Tongebung im streichquartett nr. 6 (1999). Hier wie da ist es das unberechenbare Verhältnis der einzelnen Komponenten zueinander, das den Hörer immer wieder überrascht: Es erzeugt Brechungen und ungewöhnliche Lichteffekte; die Klänge werden - mitsamt der an ihnen angelagerten Assoziationen - gleichsam aufgefaltet und zu sprunghaft anmutenden Verläufen gefügt, denen jedoch bei allem auch eine zwingende Logik innewohnt.

Dass sich Joneleit mit solchen Sprüngen zwischen Ausdrucksformen und Texturmodellen auch bewusst an tradierten musikalischen Gattungen reiben möchte, zeigt das bereits genannte Quartett ebenso wie das klaviertrio nr. 3 "... in sicht" (1999), dessen drei Sätze bestimmte wiederkehrende Momente auf immer andere Art artikulieren oder das komplexe "Abbild" für Violoncello solo (1999) mit seiner raffinierten Virtuosität aus Klangfarben und Spieltechniken. Die ungewöhnlichen Facetten dieser Musik zeigen Joneleit als einen gekonnt zwischen verschiedenen Stilen manövrierenden Komponisten, der solch divergierende Sprachäußerungen zu einer sehr persönlichen Ausdrucksweise zusammen bringt, ohne dabei einem fest umrissenen Schema zu folgen. Die schönste Eigenschaft dieser Musik ist daher, dass sie sich von Stück zu Stück ändert und dabei selbst nach mehrmaligem Hören in ihren Wendungen immer wieder zu überraschen versteht.

Hervorragend sind auch die Musiker des ensemble gelber klang, die sich - zusammen mit mehreren Gästen wie etwa dem Posaunisten Michael Svoboda - dieser Musik mit hörbarem Engagement widmen und mit ihren Brüchen und Schwierigkeiten hervorragend umzugehen wissen. Davon zeugt nicht zuletzt die dem Ensemble gewidmete Komposition "io sol uno 2°) migrazione infinita con suoni gialli" (2001): die Interpretation vermittelt eine knisternde die Spannung, die selbst über die langen Phasen des gespannten Stillstands hinweg zwischen den manchmal weit voneinander entfernten Klangereignissen vermittelt. Das hervorragende Klangbild der Aufnahmen, mit dem der Produzent Ingo Schmidt-Lucas erneut seine Fähigkeiten bei der klanglich-räumlichen Abwägung komplexer Klangfarbenmischungen unter Beweis stellt, trägt ebenfalls zum äußerst positiven Eindruck dieser Porträt-CD bei.

Jens Joneleit: "il canto l'interno, ... nell'intimo" (1998); streichquartett nr. 6 (1999); "... in sicht - klaviertrio nr. 3" (1999); "abbild" (1999); "io sol uno 2°) - migrazione infinita con suoni gialli" (2001). ensemble gelber klang und Gäate. Leitung: Jens Joneleit.- CD Cybele 360.601

 

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© 2002 by Stefan Drees