Bach und seine Zeitgenossen

Es ist sehr erfreulich, dass die Tonträgerindustrie immer mehr davon abkommt, Komponisten als erratische Blöcke ohne Geschichte darzustellen. Aufnahmen einzelner Werkgrupppen aus Johann Sebastian Bachs Schaffen gibt es ohnehin genug: sämtliche Brandenburgische Konzerte, sämtliche Cembalokonzerte und vieles mehr. Daher erscheint es nur logisch, das Komponieren in einen Kontext zu stellen, der Vergleiche, aber auch Einflüsse und Wirkungen erfahrbar macht. Dies gelingt mit der Produktion "Cantata, Concerto & Sonata: Johann Sebastian Bach und seine deutschen Zeitgenossen" von hänssler CLASSIC ausgezeichnet, wird hier doch ein Panorama entfaltet, in dem sich subtile Verbindungen zwischen Bach und seinen damals nicht minder berühmten und leider zu Unrecht vernachlässigten Kollegen wie Christoph Graupner und Johann David Heinichen zeigen.

Einen Schwerpunkt der Aufnahme bilden die beiden Instrumentalwerke, deren vermutete oder nachgewiesener Urheber Johann Ernst Prinz von Sachsen-Weimar sein soll, die aber nur in Bearbeitungen von Bachs Hand überliefert sind: zum einen ist da das schönen Konzert g-moll für Oboe, zwei Violinen, Viola und Basso continuo, das hier mit mit viel Schwung in einer rekonstruierten Fassung nach Bachs Bearbeitung für Cembalo (BWV 983) eingespielt wurde, zum anderen das Concerto C-Dur für zwei Violinen, Viola und Basso continuo nach Bachs Bearbeitungen für Orgel (BWV 595) und Cembalo (BWV 984). Besonders gelungen erscheint mir darüber hinaus jedoch die Sonata c-moll für Oboe, Viola da gamba und Basso continuo von Johann David Heinichen, die für mich in interpretatorischer Hinsicht und klanglicher Umsetzung den unbestreitbaren Höhepunkt der Produktion bildet.

Insgesamt ist mein Fazit zu der CD jedoch eher gespalten: zwar erfreut sie durch ihre interessante Werkzusammenstellung, doch gibt es in musikalischer Hinsicht einige deutliche Schwächen. Denn obgleich das Ensemble überwiegend präzise agiert, fehlt doch ein überzeugendes eigenes Profil: man könnte auf Anhieb nicht sagen, was sie aus dem Gros der inzwischen existierenden Musikervereinigungen aus dem Bereich der alten Musik hervorhebt hervorhebt. Die Artikulation der Streicher ist gewöhnlich gut, allerdings wirkt der Ensembleklang besonders in den Vokalstücken häufig wie eine undurchdringliche Klangfläche - was allerdings auch ein Problem der Aufnahmetechnik ist und nicht nur den Musikern angelastet werden sollte.

Trotz schöner Momente gibt es im einzelnen viele kleine Mängel zu entdecken: Allzu direkt und gar stellenweise etwas laut kommt jedoch der Gesang von Andrea Hornung-Boesen daher, der zudem in seiner Intonation auch nicht immer makelos ist. Besonders unbefriedigend ist aber, daß der Solistin die deutliche Ausdeutung markanter Textinhalte - so besonders in der wunderschönen Kantate "Mein Herz schimmt in Blut" von Christoph Graupner oder bei der affekthaltigen chromatischen Passagen in Georg Friedrichs Kantate "Unverzagt, beklemmtes Herz" - fast vollständig misslingt und ihr zudem anzuhören ist, dass sie den Sopranpassagen der vorliegenden Werke gesangstechnisch nicht immer gewachsen ist.

Cantata, Concerto & Sonata: Johann Sebastian Bach und seine deutschen Zeitgenossen: Unbekannter Komponist (Johann Ernst Prinz von Sachsen-Weimar?), Concert g-moll; Christoph Graupner, "Mein Herz schwimmt im Blut"; Johann David Heinichen, Sonata c-moll; Georg Friedrich Kauffman, "Unverzagt, beklemmtes Herz"; Johann Ernst Prinz von Sachsen-Weimar: Concerto C-Dur; Johann Sebastian Bach: "Mein Herze schwimmt im blut" BWV 199. Ensemble musica poetica Freiburg, Leitung: Hans Bergmann.- hänssler CLASSIC CD 98.408

 

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© 2002 by Stefan Drees