Plädoyer für einen unbekannten Romantiker

Bereits die Einspielung der Klaviertrios, von der classic produktion osnabrück vorbildlich und auf hohem Niveau betreut, hat es verdeutlicht: das Kammermusikschaffen des Spätromantikers Joachim Raff enthält eine Fülle unbekannter Perlen, die es für den Konzertsaal zu entdecken gilt. Mit diesem Wissen widmet man sich bei cpo nun in gewohnt hoher Qualität einer mehrteiligen Edition der Werke für Violine und Klavier, deren erster Teil - in Koproduktion mit dem SWR entstanden - soeben erschienen ist.

Mit ihrem teils äußerst virtuosen Duktus erweisen sich die hier versammelten Kompositionen geradezu als Paradestücke für den Ausnahmegeiger Ingolf Turban: Sein Spiel überzeugt durch Nuancenreichtum auch dort, wo der Komponisten die technischen Anforderungen seiner Musik auf die Spitze treibt; dabei verzeiht man dem Geiger auch die kleinen Intonationsschwächen, die sich mitunter in den Vortrag einschleichen. Exemplarisch für den souveränen Umgang mit den zahlreichen Ecken und Kanten der Musik ist etwa die "Grande Sonate" op. 73, deren konzertanter Violinpart den Interpreten vor zahlreiche Probleme stellt.

Dabei besticht zum einen die mühelose Darstellung komplexer technischer Sachverhalte, der man - aber das ist wohl eine Geschmackssache - in manchen Situationen vielleicht ein wenig mehr Ironie wünschen würde, um sie vom spätromantischen Balast ihres mitunter doch fast pathetischen Ausdrucks zu befreien; zum anderen gerät insbesondere die stark differenzierte Gestaltung langer Melodiebögen zu einem spannenden Ereignis: unter Turbans Bogenführung scheinen Raffs teils weit ausholende Gesänge frei zu atmen, die Tongebung ist durchweg sehr geschmackvoll, das Vibrato zeigt sich immer erfreulich wandlungsfähig.

Als perfekter Kammermusikpartner erweist sich bei alldem der geschmeidig agierende Pianist Jascha Nemtsov, dessen feinfühlige Zeichnung der manchmal sehr vielstimmig instrumentierten Klavierparts sich Turbans Vortrag immer anpasst, den Stücken dabei immer auch eigenes Profil verleiht. Auch in der von Zeit zu Zeit angenehm flexibel ausgespielten Tempogestaltung erweisen sich beide Partner als perfekt aufeinander eingespielt. Als besonders schönes Beispiel gemeinsamen Musizierens fallen hier die beiden Fantasiestücke op. 58 mit ihren nur durch leichte Nuancen sich ändernden Stimmungen auf, in denen die atmosphärische Dichte der Musik sehr sensible Wandlungen erfährt.

Joachim Raff: Werke für Violine und Klavier Vol. 1: Grande Sonate op. 73; Duo op. 59; 2 Fantasiestücke op. 58; Duo nach Motiven aus Wagner "Tannhäuser" op. 63 Nr. 2. Ingolf Turban (Violine), Jascha Nemtsov (Klavier).- CD cpo 999 767-2

 

Links zum Thema:

  • Die Veröffentlichungen der classic produktion osnabrück (cpo) werden exklusiv über den jpc-Versand vertrieben.
  • Joachim Raff Society: Website mit vielen Informationen zu Leben und Schaffen sowie mit einzelnen Werkerläuterungen, Hörbeispielen und bibliografischen Hinweisen. 

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© 2002 by Stefan Drees