Eine Fülle
herrlicher Momente
Die
Fixierung der Tonträgerindustrie auf große und
populäre Komponisten hat einen unangenehmen Nebeneffekt: dem
interessierten Hörer bleibt in vielen Fällen die
musikalische Vielfalt einer bestimmten Epoche verborgen. Denkt man
heute etwa an die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, fallen
einem wohl meist zunächst einmal die Namen von Johannes
Brahms, Anton Bruckner, Franz Liszt und Richard Wagner ein, dann
vielleicht auch die von Komponisten wie Antonín
Dvorák, Peter Tschaikowsky und einigen anderen. Aber wer hat
bis vor kurzer Zeit wirklich schon einmal etwas von Joachim Raff
(1822-1882) gehört? Erst seit den 1980er-Jahren findet das
eine oder andere Orchesterwerk dieses Spätromantikers Aufnahme
in die Programme einzelner Label; ein großer Teil seines
Schaffens jedoch liegt weiterhin im Verborgenen. Die classic produktion
osnabrück hat sich in einer Koproduktion mit dem SWR der
Kammermusik Raffs angenommen und eine CD mit zwei Klaviertrios - Nr. 1
c-moll op. 102 und Nr. 4 D-Dur op. 158 - veröffentlicht.
Beide Kompositionen,
dargeboten vom Trio Opus 8, lassen schon beim ersten Hören
erstaunt aufhorchen: da erklingt eine sehr kraftvolle, aber auch sehr
zarte und mitunter durchaus volkstümlich anmutende Musik, die
mit einer Fülle herrlicher Momente aufwarten kann. Eigentlich
kaum zu glauben, dass diese Werke bisher nicht den Weg in den
Konzertsaal gefunden haben. Da ist zum Beispiel der Kopfsatz des
Klaviertrios Nr. 1 c-moll op. 102. Er hebt in gedehnten Notenwerten des
Klaviers an, die von seufzerartigen Gesten der Streicher beantwortet
werden, und gewinnt erst allmählich mit der Formung des
vorwärtsdrängenden Hauptthemas aus einem
düsteren Klanghintergrund an Bewegung. Oder der an dritter
Stelle stehende langsame Satz: seine zärtlichen Melodien und
das schmeichelnde Wechselspiel der Streicher machen ihn zu einem
romantisch dahinströmenden Gesang par exellence. Das Finale
überzeugt dagegen durch seine Wechsel zwischen geistreicher
Dramatik und dem virtuosen Duktus ungarischer Musik.
Das
Klaviertrio Nr. 4 D-Dur op. 158 schlägt dagegen ganz andere
Töne an. Es beginnt im Kopfsatz mit einer
wunderschönen Cello-Kantilene, wird mit der geheimnisvollen
Atmosphäre des Scherzos und der leisen Melancholie des
elegischen Andante-Satzes fortgesetzt, um schließlich in
einem kontrapunktisch verschachtelten Finale - dem einzigen etwas
schwächeren Satz der beiden Trios - zu enden. Insgesamt
könnten die hier präsentierten Kompositionen wohl
kaum unterschiedlicher sein. Bei alldem fordert die Musik den
Interpreten einiges an technischem Können und musikalischem
Gestaltungsvermögen ab - eine Aufgabe, die von Eckhard Fischer
(Violine), Mario De Secondi (Violoncello) und Michael Hauber (Klavier)
mit Brillanz, hörbarem Engagement und großem
Einfühlungsvermögen gemeistert wird. Den drei
Musikern gelingt hier nicht nur eine äußert
dramatische und kontrastreiche Zeichnung der Ecksätze sowie
eine rhythmisch kraftvolle Umsetzung der häufig recht heiklen
Scherzi; ihr Spiel überzeugt vor allem auch durch eine auf
klangliche Feinheiten bedachte Darstellung der langsamen Werkteile, an
denen man sich gar nicht satthören kann. Das Ergebnis ist eine
in allen Aspekten fesselnde Aufnahme, die durch die Perfektion des
Zusammenspiels und durch ihre klangliche Ausgewogenheit für
sich einnimmt. Diese cpo-Produktion - übrigens mit einem
umfassenden und sehr interessanten Booklet-Text versehen -
dürfte dem Liebhaber romantischer Kammermusik ohne Zweifel
eine sehr lohnenswerte Bereichung des Repertoires bescheren.
Joachim
Raff: Klaviertrios Nr. 1 c-moll op. 102 und Nr. 4 D-Dur op. 158. Trio
Opus 8.- CD cpo 999 616-2
Links zum Thema:
- Die Veröffentlichungen der classic
produktion osnabrück (cpo) werden exklusiv über den
jpc-Versand vertrieben.
- Joachim Raff Society: Website mit vielen Informationen zu Leben und
Schaffen sowie mit einzelnen Werkerläuterungen,
Hörbeispielen und bibliografischen Hinweisen.
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2001 by Stefan Drees
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