Effekt und Langeweile

Mit "heftigen Akzenten und dynmaischen Kontrasten" ziele er auf Herausforderung ab und arbeite "unkonventionell, zuweilen wagemutig, wenn nicht gar halsbrecherisch". So der Pressetext über den Dirigenten Thomas Fey, der mit seinen Heidelberger Sinfonikern bei hänssler CLASSIC seine Einspielung mit Sinfonien Ludwig van Beethovens jüngst fortgesetzt hat. Kein Zweifel: all dies trifft zu - hat aber manchmal in der Praxis einen äußerst negativen Beigeschmack. Fey will sich als Beethoven-Interpret etablieren, indem er alles radikal anders zu machen beabsichtigt als andere Dirigenten vor ihm. Obwohl dabei manchmal durchaus interessante Sichtweisen auf die eingespielten Kompositionen zu Tage treten, geht dieser Schuss leider oft nach hinten los - huldigt Fey doch häufig dem bloßen Effekt und versucht auch dort den Reiz des Ungewohnten aus der Musik hervor zu kitzeln, wo es nicht nötig oder gar unangemessen ist.

Bezeichnend hierfür ist die hektisch abgehackte Artikulation im Kopfsatz der Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60, die zwar zunächst überraschen mag, aber spätestens bei der Wiederholung der Exposition in ihrer offensichtlichen Suche nach dem bislang Unerhörten reichlich abgeschmackt wirkt - und zudem auch musikalisch nicht immer gerichtfertigt ist. Im Grunde ist es unerklärlich, warum Fey zu solch vordergründigen Effekten greift, wo er doch in anderen Sätzen zeigt, dass er die Musik auch ganz anders zu gestalten versteht: so gerät etwa der langsame Satz der 4. Sinfonie zu einer wundervoll stimmungsgeladenen Studie, in der die Klanglichkeit des Orchesters sich ständig in neuem Licht zeigt; und auch das Scherzo der Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 hat man noch nicht allzu oft mit einem solch plastisch gezeichnetem Zusammenwirken der Holzbläser gehört.

Solchen in höchstem Maße gelungenen Passagen stehen aber viele andere Satzteile und ganze Sätze gegenüber, die dem Hörer ein echtes Rätsel aufgeben. Kaum jemals habe ich den letzten Satz der "Sinfonia pastorale" so unsäglich einfallslos musizieren hören: hier und im ersten Satz - wo außer einer passagenweise schönen Profilierung der Mittel- unter Unterstimmen nichts passiert - regieren interpretatorisches Mittelmaß und gepflegte Langeweile; und selbst das von Beethoven so packend inszenierte Gewitter des 4. Satzes seiner Sechsten Sinfonie wird seltsam spannungslos dargeboten. So bleibt am Ende nur zu bemerken, dass dieser zweite Teil von Feys Beethoven-Einspielung zumindest von der Intonation der Musiker her besser gelungen ist als seine Interpretation der ersten beiden Sinfonien.

Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60; Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68, "Sinfonia pastorale". Heidelberger Sinfoniker. Leitung: Thomas Fey.- hänssler CLASSIC CD 98.396

 

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© 2002 by Stefan Drees