Bilderflut mit viel Pathos

War es vor rund zehn Jahren noch eher verpönt, Musik und Bilder als gleichwertige Elemente innerhalb des Komponierten zu verzahnen, scheint es heute kaum mehr ohne solch aufwändige Kombinationen zu gehen: multimediales Arbeiten gehört mittlerweile zum guten Ton und ist gar zur inflationären Modeerscheinung geworden. Zunächst wirkt es daher vielversprechend, wenn nun ein Werk erscheint, das - als Projekt der Graduiertenförderung an der Folkwang-Hochschule Essen entstanden und mit dem Förderpreis ausgezeichnet - sich als Nachdenken über Geschichte ebenso wie als Reflex auf die Omnipräsenz der Medien erklärt. Der schlafende Reiter heißt die rund 75minütige, im Programm des Labels CYBELE veröffentlichte DVD-Produktion einer Komposition von Anna Ikramova, die sich dieser Problematik widmet. Als Ausgangspunkt hierzu dient der Komponistin eine durchaus folgerichtige Überlegung zur Präsenz der Medien in unserem Leben; doch anstatt konsequent den Weg zu einer Verwendung ihrer kritischen Potenziale einzuschlagen, verfängt sich Ikramova in ihnen, ohne einen künstlerisch schlüssigen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden.

Konstruktives Element der "virtuellen musikalischen Bühnenhandlung" - so der Untertitel des Werkes - ist die Überlagerung von Bildern, Bewegungen, Aktionen, Worten, Gesten, Sprache, elektronischer und instrumentaler Musik. Dabei ist die visuelle Ebene als komplex gestaltetes Netzwerk aus heterogenen visuellen Komponenten (gefilmte Bühnenhandlung, Schauspiel, Tanz, Musiziervorgänge und artifiziell hergestellte Computergrafiken) realisiert. Eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen propagierend, die ihren Ausgangspunkt in Mythos und Traum sucht, wirkt diese Komplexität auf allen Ebenen des Werkes fort. Folgerichtig gibt es daher auch keine linear erzählte Geschichte, sondern eine fiktive Ablagerung dessen, was zugleich Zukunft und Vergangenheit heraufbeschwört und sich über insgesamt sieben Stationen hinweg fortpflanzt - entlang einer Text-Collage, die Wolfram Eggeling aus Fragmenten sieben verschiedener Autoren konstruiert hat und die sich in den mitunter sehr eindringlichen Arrangements fortsetzt, mit denen Dagmar Schenk-Güllich die Bühnenräume ausdeutet.

Doch so neu, wie das Booklet gern behaupten möchte, ist dieses Verfahren nicht. Die innovativen Element halten sich denn auch in Grenzen; hat man doch bereits vor gut einem Jahrzehnt in Filmen wie Peter Greenaways Prospero's Books eine in höchstem Maße konsequente Verschränkung von Elementen wie Bild, Ton, Bewegung, Farbe, Musik und Sprache erfahren können. Bei Ikramova läuft diese Kombinatorik dagegen allzu leicht ins Leere: die einzelnen Fäden des Netzwerks entgleiten der Komponistin, driften in den verspielten Selbstzweck ab und können daher auch streckenweise nicht so recht überzeugen. Das Ergebnis ist zwar auf sehr hohem Niveau angesiedelt, wirkt aber vielfach eher halbherzig. Das mag ebenso an der Unverbindlichkeit vieler Aktionen wie an der seltsamen Unbestimmtheit der zitathaft agierenden Musik liegen, hat aber daneben noch weit gravierendere Ursachen.

Störend sind nämlich vor allem die immer wieder eingesetzten visuellen und musikalischen Klischees: nicht nur, dass der Einsatz eines Blockflöten-Ensembles sofort die wahrlich überflüssige Aura alter Musik zitiert; auch die bedeutungsschwangere Regie von Svetlana Fourer, deren Bilder sich manchmal zu peinlichem Pathos aufschaukeln, wirkt - und dies dürfte die Komponistin wohl kaum gewollt haben - mit ihrem schwülstigen Zugriff auf die fragmentierten Inhalte manchmal eher komisch und regt zu unfreiwilliger Heiterkeit an. Bezeichnend hierfür ist etwa das Nebeneinander von Elementen im geteilten Bildraum in Szene VI, in der mit gezückten Gewehren und schmachtenden Blicken zwei Versionen des Weltuntergangs parallel ablaufen und der plakative Ernst bis in die Farbgebung der Filmbilder hinein dringt. Eher selten dagegen findet Ikramovas Schlafender Reiter den Weg heraus aus solchen Fallstricken und lässt wirklich starke Momente entstehen, deren Wirkung lange nachzuhalten vermag: so etwa, wenn in der vierten Szene die fünfköpfige Blockflötengruppe mit einer bildlichen Überlagerung versehen wird, in der die Statik des Grundbildes durch Postionswechsel einzelner Musiker überlagert wird und eine doppelbödige Situation herauf beschwört, die zudem durch expressive Tanzbildern kontrapunktiert wird.

Zum letztlich positiven Eindruck der Produktion tragen vor allem die starken Einzelleistungen der verschiedenen Interpreten bei, unter denen - neben den vokalen Leistungen von Sängern (allen voran Antje Bitterlich und Ruth Weber), Sprechern und Instrumentalisten - vor allem die intensiven Choreographien von und mit Dagmar Stollberg überzeugen. Die Schwachstelle im ansonsten vorzüglichen Ensemble ist der Knabensopran Matthias Eggeling, dessen mangelndes Verständnis der komplexen Sprachinhalte auffällig ist und der mit den wiederzugebenden Texten hörbar überfordert ist. Die technische Seite der DVD schließlich entspricht in ihrer Präsentation durchaus dem Standard: ein Menü erleichtert die Auswahl einzelner Sektionen des Stückes; zudem lassen sich die Biografien der beteiligten Künstler in aller Ausführlichkeit abrufen. Während die Tonqualität in Surround Sound gut bis sehr gut ist und insbesondere die elektronischen Passagen der Komposition glasklar und durchsichtig beim Höhrer ankommen, ist die Bildqualität eher mäßig - was wohl mit den bei den Dreharbeiten benutzten Geräten zusammenhängen dürfte.

Anna Ikramova: "Der schlafende Reiter" - eine virtuelle musikalische Bühnenhandlung mit Bildern und Objekten von Dagmar Schenk-Güllich nach einem Textbuch von Wolfram Eggeling (mit Fragmenten aus Werken von Isaak Babel, Bruno Schulz, Mircea Eliade, Andrej Platonov, Alexander Grin sowie Arkadij und Boris Strugatzki). Regie: Svetlana Fourer. Bühnenbild: Dagmar Schenk-Güllich. Choreographie und Tanz: Dagmar Stollberg. Musikalische Leitung: Christian Jeub.- DVD CYBELE 860.101D-V

 

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© 2002 by Stefan Drees