Lyrische Szenen ohne Pathos

Neunzig Jahre alt wäre er im Jahr 2002 geworden: der Dirigent Erich Leinsdorf (1912-1993), der seine Karriere als Assistent von Bruno Walter und Arturo Toscanini begann, 1939 sein Debüt als Wagner-Dirigent an der New Yorker Metropolitan Opera mit der "Walküre" gab und nach seiner Zeit als Leiter mehrerer amerikanischer Sinfonieorchester als Gastdirigent durch die Welt reiste. Anlässlich seines Geburtstages veröffentlicht das Label hänssler CLASSIC in Zusammenarbeit mit dem SWR in der Reihe "faszination musik" eine Doppel-CD mit drei Produktionen, die in den 1980er-Jahren unter der Stabführung Erich Leinsdorfs und dem Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg entstanden sind.

Den schwergewichtigen Wagner-Einspielungen, die mit dieser dankenswerten Neuerscheinung den Weg in die Öffentlichkeit finden, wird man vielleicht zunächst eher mit Skepsis begegnen: schon wieder Orchesterauszüge aus Wagners Bühnenwerken - gesang- und textlose Exzerpte, von denen doch schon so viele eine Konzertsaal-Existenz in mehr oder weniger ausführlichen Suiten führen. Doch der zweite Blick offenbart eine andere, höchst individuelle Auffassung von Wagners Musik: handelt es sich doch bei Leinsdorfs eigenen Bearbeitungen um einen spannenden Zugang, wie er so bislang nicht zu hören gewesen ist. Nicht umsonst hat sich der Dirigent, der an der Metropolitan Opera zum Spezialisten für deutschsprachiges Operntheater wurde, in späteren Jahren mit Verdruss von den Deutungen und Auslegungen der Regisseure distanziert und die Opernhäuser als "Versuchsstationen einer kleinen Schar von Wirrköpfen" bezeichnet. Die hier vereinigten Auszüge aus den Bühnenwerken wollen daher vor allem ein deutliches Zeichen dafür sein, wie sich Wagners Musik aufführen lässt, ohne auf einer Bühne Unliebsames erblicken zu müssen.

Leinsdorf schafft in seinen orchestralen Kompilationen dabei vor allem zweierlei: er stellt die Musik unprätenziös als klingendes Event dar, das einen eigenen, musikimmanenten Gehalt zu vermitteln hat und dazu keiner Textworte bedarf; und er entledigt sich hierbei gekonnt jeglichen Anflugs eines unnötigen Pathos. Die dramatischen Aspekte, die meisterhafte Orchesterbehandlung Wagners tritt hier um so deutlicher hervor, als sich der Dirigent um eine völlige Klarheit der Darstellung bemüht. Bei alldem tastet Leinsdorfs Bearbeitung die Substanz der Wagnerschen Musik nicht an: Jeder der beiden Zyklen wird von einem in sich abgeschlossenen Orchestervorspiel eröffnet; der jeweils folgende, in seiner Chronologie unangetastete Querschnitt, erzählt trotz seines Fragmentcharakters die ganze Geschichte, wird aber mitunter im Sinne größerer musikalischer Stringenz gerafft. Dabei greift der Bearbeiter gelegentlich auch zu Passagen, in denen im Original gesungen wird, lässt die Vokalparts aber ohne Bedenken weg, weil die Beredheit von Wagners quasi sprechendem sinfonischem Geschehen sie durchaus entbehrlich macht.

Hier wird auf eindrucksvolle Weise ein seriöser Umgang mit einer beschädigten Tradition demonstriert, der auf drastische Weise die ganze Schönheit der Musik offenbart. So erzählt Leinsdorfs neunteilige "Ring"-Bearbeitung - betitelt mit Orchesterstücke aus «Der Ring des Nibelungen» - eine Geschichte, in der Zurückhaltung und mitunter gar eine luftige Leichtigkeit (so in der Rheinfahrt oder dem Ritt der Walküren) regiert; in ununterbrochenem Fluss wird die Musik zu einer einzigen ausgedehnten, fast 50minütigen lyrischen Szene. Gleiches gelingt auch in den Sinfonischen Auszügen aus «Parzifal», deren Farbigkeit der Dirigent Leinsdorf mit den Mitteln des Orchesters aufs Vorteilhafteste darzustellen weiß. Wagners monumentale Werke erscheinen so in zwei quasi einsätzigen Suiten kondensiert und zugleich komprimiert.

Da scheint es als logische Konsequenz, wenn die Einspielung durch eine Aufnahme von Arnold Schönbergs ebenfalls einsätziger Kammersinfonie für 15 Instrumente op. 15 ergänzt wird - ein Werk, in dem Leinsdorf all jene Fäden nachzuzeichnen versteht, die zurück ins 19. Jahrhundert reichen. In allen Interpretationen setzt er vorzugweise auf die Magie des Klanges, den er häufig sehr zurückhaltend aus dem Orchester herausmodelliert - ein Anliegen, das gerade in Schönbergs Komposition vom SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg nicht immer sauber umgesetzt wird. Auch der Klang des Orchesters ist in den Aufnahmen aus den Jahren 1984 und 1989 mitunter nicht ganz zufrieden stellend: die Mitten und Tiefen treten ein wenig zu sehr hervor und scheinen passagenweise ein stärkeres Aufblühen der Musik - so in den Ausschnitten aus Wotans Abschied - zu verhindern. Von diesem Umstand einmal abgesehen handelt es sich bei dieser Veröffentlichung um eine wirklich spannendes Ereignis.

Richard Wagner: Orchesterstücke aus «Der Ring des Nibelungen»; Sinfonische Auszüge aus «Parzifal»; Arnold Schönberg: Kammersinfonie für 15 Instrumente op. 15. SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Leitung: Erich Leinsdorf.- CD hänssler CLASSIC 93.040

 

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© 2002 by Stefan Drees