Spannungsreiche Klangerforschung

Improvisierte Musik auf Tonträgern festhalten zu wollen ist keineswegs unproblematisch und kann mitunter sehr unbefriedigende Resultate erbringen. Umso erfreulicher ist es jedoch, wenn es den verantwortlichen Produzenten gelingt, die knisternde Atmophäre einer Live-Performance einzufangen und sie damit gewissermaßen ins Wohnzimmer des Hörers hinüber zu retten. Konkretes Beispiel für einen solchen Glücksfall ist die CD "organic - mineral", die in Koproduktion mit Radio Bremen bei dem französischen Label "in situ" erschienen ist.

Zwei erstaunliche Musikerinnen, die französische Kontrabassistin Joëlle Léandre und die japanische Kotospielerin Kazue Sawaï, geben sich hier ein Stelldichein, dessen frappierender Wirkung man sich schwerlich zu entziehen vermag. Zunächst erstaunt zwar die Verbindung zweier auf den ersten Blick so unterschiedlicher Instrumente, zumal sie dem Kontext extrem verschiedener Musiziertraditionen angehören; dennoch deckt ihre Konfrontation in der Improvisation einige hoch interessante klangliche Beziehungen auf, die nicht nur auf der Gleichheit der Baumaterialien - nämlich Saiten und Holz -, sondern auch auf den ähnlich gelagerten Möglichkeiten der spielerischen Klangerforschung beruht.

Dabei liegt ein wesentlicher Reiz der Aufnahme gerade darin, dass sich das klingende Resultat nicht immer eindeutig einer der beiden Interpretinnen zuordnen lässt - eine Wirkung, die einem Konzerbesucher eher entgehen. Der Hörer wird häufig mit einer Annäherung von Klangfarben konfrontiert, aus der ein spannungsreiches Wechselspiel von Nähe und Ferne resultiert, dessen Kontext zwar immer wieder von einer der beiden Individualitäten durchbrochen wird aber durch seine Uneindeutigkeit mitunter überraschend verunsichernd wirken kann. Schabgeräusche unterschiedlichster Lautstärke, Glissandi und gezupfte Töne, aber auch leise geriebene, in den Bereich der Stille weggleitende Aktionen sind es, die hier von einem Instrument zum anderen weiter gereicht, in spannungsreichen Knoten miteinander verflochten oder von einem der beiden Partner solistisch dargestellt werden.

Die interessante Beziehung zwischen den beiden Musikerinnen wird in jedem einzelnen der insgesamt acht Titel auf andere Weise thematisiert: das Spektrum reicht hier von sanften, aber eindringlichen Klangfeldern, deren behutsames Anrollen eine lebendige und fast ätherisch anmutende Schönheit entfaltet, bis hin zu extrem geräuschhaften und schroffen Ausbrüchen. Manch einer der Titel - so etwa Track 8 - konfrontiert gar beide extremen Positionen miteinander und schafft dadurch ein ständig wechselndes Pulsieren zwischen den polaren Möglichkeiten instrumentalen Ausdrucks.

Obgleich die sicherlich ebenso spannende visuelle Dimension dieser live aufgezeichneten Improvisationen auf der CD notwendigerweise entfällt, gibt es doch weder spannungslose Momente noch Phasen des Leerlaufs in dieser Aufnahme: jede Nuance des Ausdrucks, jede noch so kleine instrumentale Geste scheint hier mit äußerster Präzision ihre Funktion zu erfüllen, so dass insgesamt bis zum Ende hin ein enormer Spannungsbogen aufgebaut wird, der sich schließlich in den schroffen klanglichen Explosionen des finalen Titels förmlich entlädt.

Joëlle Léandre - Kazue Sawaï: organic - mineral (2001). - CD in situ IS235.

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© 2002 by Stefan Drees