Computerklänge und Nostalgie

Ein gewisser Hauch von Nostalgie haftet ihnen doch an, das bemerkt man bereits beim ersten, noch oberflächlichen Hören. Gemeint ist hier ein nicht unwesentliches Charakteristikum, das die computerisierten Klangwelten Mark Trayles auszeichnet: RPM::MHZ heißt die CD des Amerikaners, auf der die Klänge zumeist alltäglicher Dinge mittels Computer manipuliert und ins Hörbare hinein vergrößert werden. Die Prozedur ist nicht neu, bedient sich durchaus gängiger Verfahren - und wirkt in ihrem klingenden Ergebnis manchmal ein wenig altmodisch.

Vielleicht nicht ganz zufällig scheinen hier die höchst verspielten Synthesizer-Orgien der Popmusik aus den frühen 1970er-Jahren - etwa die von Emerson, Lake & Palmer - Pate gestanden zu haben. Das ist zwar durchaus erfrischend und vermittelt eine gewisse unkomplizierte Leichtigkeit, wirkt aber dennoch manchmal auch ein wenig penetrant, insbesondere dann etwa, wenn sich die Musik allzu bereitwillig in solch nostalgischem Aktionismus verfängt.

Allein der Titel Ciprocal beruht ausschließlich auf Computerklängen: Trayle erzeugt hier ein geräuschhaft vibrierendes Netz aus zahlreichen digitaler Klangschleifen, dessen Verlauf zwar über diverse Hilfsmittel gesteuert werden kann, aber dennoch für Komponist und Hörer gleichermaßen unvorhersagbar bleibt. Von solcher Abstraktion sind die beiden übrigen Stücke der Produktion weit entfernt:

Da ist zunächst das dreiteilige Stück Arcana 33 1/3, das sich mit den verborgenen Parallelen zwischen der industriellen Revolution vergangener Tage und der Informationsrevolution unserer Gegenwart beschäftigt und sich dabei gleichermaßen von den auf das Unbewusste abzielenden Techniken der Spiritisten wie von dem illusorischen Moment virtueller Realität beeinflusst zeigt. Trayles Klangmanipulationen setzen hier am Schaben einer leerlaufenden Gramofonnadel sowie am Geräusch eines Blechkanisters an und werden im Verlauf der einzelnen Abschnitte auf unterschiedlichste Weise mit ihren digitalen Transformationen konfrontiert.

Ganz anders dagegen bedient sich der Komponist in ¢apital magneti¢ schließlich der musikalischen Möglichkeiten diverser Kreditkarten, indem er die jeweils individuelle Beschaffenheit der Magnetstreifen zur Schaffung rhythmischer, melodischer und klangfarblicher Elemente benutzt - ein Verfahren, das die verborgenen Klänge des Alltags hörbar macht und mitunter gar überraschende Resultate zeitigt. Dieser spielerische Umgang mit kulturellen Artefakten unserer Gesellschaft markiert denn auch für mich den Höhepunkt dieser durchaus spannenden Produktion.

Mark Trayle: RPM::MHZ (2001): Arcana 33 1/3 (1. Automatic Descriptions - 2. arCANgel - 3. Talking Machine); ¢apital magneti¢; Cirocal.- CD Artifact Recordings ART 1022

 

Links zum Thema:

  • Artifact Recordings: Website des amerikanischen Labels mit Übersicht über die Veröffentlichungen.
  • Mark Trayle's Homepage: Homepage des Komponisten mit zahlreichen Infos und Werkbeispielen zum Anhören und Ansehen.

Zurück zum Index

© 2002 by Stefan Drees