Mit italienischem Flair
Dies zeigt sich bereits in den Sonaten mit obligatem Cembalo BWV 1014, 1015 und 1016, deren mitunter äußerst vertrackte Sätze Anne Röhrig (Violine) und Bernward Lohr (Cembalo) ganz im Bewusstsein der musikalischen Gleichwertigkeit beider Instrumentalparts musizieren. Trotz der in dieser Besetzung eher beschränkten Möglichkeiten klanglicher Gestaltung überraschen die einzelnen Kompositionen immer wieder durch treffend gezeichnete Details. Dies liegt nicht zuletzt an dem trefflichen Zusammenwirken von wohltönendem und nie kalt klingenden Cembalo und obertonreichem Violinklang, das besonders in den langsamen Sätzen zur Geltung kommt: Hier versteht Bernward Lohr seinem Instrument weit geschwungene Kantilenen zu entlocken - so in der innigen Klage des Einleitungssatzes aus der Sonate h-moll BWV 1014 oder in den den anderen Eröffnungssätzen -, aus denen heraus Anna Röhrig ihre Violine immer wieder verhalten aufblühen lässt. Auch in den raschen Sätze fügen sich die beiden Instrumente überzeugend zusammen; die dichten polyphonen Texturen bleiben dabei immer angenehm durchsichtig und sind musikalisch sehr profiliert - aber niemals übertrieben - gezeichnet. Was bei den Sonaten mit Basso continuo BWV 1021 und 1024 - letztere von zweifelhafter Herkunft und möglicherweise kein authentischer Bach - überrascht und der Aufnahme eine selten gehörte Lebendigkeit verleiht, ist der Einsatz diverser Continuo-Instrumente zur Unterstützung der Basslinie. Nicht mehr nur auf sture Weise an Orgel oder Cembalo festzuhalten, sondern die unterschiedlichen Affekte der Musik durch den wohl unterscheidbaren Klang von Theorbe, Orgel und Cembalo einzufärben, wie es hier auf vorbildliche Weise geschieht, gehört sicherlich zu den stärksten Momenten der Produktion. Hierdurch entbehrt die Musik jenes strengen und häufig allzu asketischen Eindrucks, den ihr in vielen anderen Aufnahmen förmlich aufgedrängt wird und vermittelt statt dessen ein Flair von italienischer Leichtigkeit und Verspieltheit. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst der Violinistin Ursula Bundies, deren flexibles Spiel sich durch eine imporvisatorisch wirkende Anmut auszeichnet. Trotz einer durchaus akribischen Auslegung der Notentexte musizieren die Mitglieder von Musica Alta Riepa mit einer ganz vorbildlichen Klangsinnlichkeit. Dabei ist eine angenehm erfrischende Produktion entstanden, die dem Kenner des Bachschen Sonatenschaffens ebenso Freude bereiten dürfte wie demjenigen, der sich diesen Werken zum ersten Mal nähert. Man darf daher durchaus auf den zweiten Teil dieser Gesamteinspielung gespannt sein. Johann Sebastian Bach: Complete Violin Sonatas Vol. 1: Sonaten G-Dur BWV 1021, h-moll BWV 1014, A-Dur BWV 1015, E-Dur BWV 1016, c-moll BWV 1024. Musica Alta Ripa.- CD MDG 309 1073-2
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