Beiträge zur Interpretationsgeschichte aus dem Archiv des SWR

Während es in früheren Zeiten lediglich möglich gewesen ist, an Hand von schriftlichen Quellen etwas über musikalische Interpretationen vergangener Zeiten zu erfahren. Doch Berichte und kritische Analysen vermitteln lediglich einen kleinen Eindruck vom dem, was der Hörer jener Zeit hautnah erleben konnte. Seitdem es das Verfahren der Tonaufzeichnung gibt, hat sich diese Situation allerdings grundlegend geändert: hier ist nun die Möglichkeit gegeben, die Wandlungen der Interpretationsgeschichte hautnah mit zu vollziehen. Insbesondere in den Archiven der deutschen Rundfunkanstalten hat sich seit Gründung der Bundesrepublik Deutschand und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eine Fülle hoch interessanten Materials angesammelt, das zwar einen gewichtigen Beitrag zur Interpretationsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg bildet, aber bislang der Tonträgerindustrie verschlossen blieb. Daher ist es umso erfreulicher, wenn der SWR nun in Zusammenarbeit mit dem Label hänssler CLASSIC seine Schätze der Öffentlichkeit in der Abteilung "History" seiner Tonträger-Reihe "faszination musik" präsentiert.

Zwei Veröffentlichungen liegen in dieser Reihe vor: Zum einen ist es Karl Böhm, der hier zusammen mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58 (mit Branka Musulin am Klavier) sowie Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie Nr. 40 g-moll KV 550 präsentiert. Beide Aufnahmen werfen ein bezeichnendes Licht auf den häufig überschätzten Dirigenten Karl Böhm: in der historischen Aufnahme des Beethoven-Konzerts von 1951 zerfällt die Musik mitunter in wenig schlüssig musizierte Abschnitte; Mozarts Sinfonie dagegen, in einem Live-Mitschnitt von 1974 dargeboten, präsentiert sich allzu glatt, ohne jegliche Höhepunkte, vorwiegend die lyrischen Momente und Hauptstimmen betonend und die Begleitstimmen viel zu wenig berücksichtigend. Umso wertvoller erscheint daher ein Probenmitschnitt, der am ersten und vierten Satz die Phase der Einstudierung dieses Werkes dokumentiert: hier wird einerseits lebendiger und packender musiziert, andererseits aber auch sehr offensichtlich, wie eindimensional Böhm Sichtweise auf Mozarts Musik ist möchte. Die zweite Veröffentlichung widmet sich dem Dirigenten Carl Schuricht und enthält eine Reihe von Instrumentalstücken Richard Wagners - mit Ausnahme des intimen Siegfried-Idylls alle aus dessen Musikdramen -, die er mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart in den Jahren 1950 bis 1966 entstanden sind. Trotz mancher aufnahmetechnischer Schwächen aus der Frühzeit des Rundfunks überraschen die Einspielungen durch ihren mitunter erfrischend unkonventionellen und originellen Zugriff auf die wuchtige Wagnersche Klangwelt.

Historische Aufnahmen sind vor allem dann interessant, wenn man sie benutzt, um sich über die Änderungen innerhalb der Interpretationsgeschichte Aufschluss gewinnen möchte. Wer sich dafür interessiert, möchte natürlich prinzipiell auch etwas über die Bedingungen und Gegebenheiten der Entstehung erfahren. Leider scheint sich hänssler CLASSIC nicht im Geringsten darüber bewusst gewesen zu sein, welche wichtige Möglichkeit der präzisen Dokumentation bundesdeutscher Rundfunkarbeit mit der "History"-Edition hätte geleistet werden können. Die Aufnahmen werden denn auch wie ganz normale Produktionen behandelt, im Booklet versehen mit kurzen Texten, die im Inhalt kaum über jene allgemeinen Informationen hinaus gehen, die man allenthalben in diversen Konzertführern nachschlagen kann. Da im Mittelpunkt jeder CD ein einziger Dirigent steht, wäre es aber weit sinnvoller gewesen, dessen Zusammenarbeit mit dem Rundfunk oder gegebenenfalls die Umstände der Entstehung der Aufnahmen zu dokumentieren. Informationen solcher Art vermisst man hier leider schmerzlich. hänssler CLASSIC hat damit eindeutig eine hervorragende Chance verpasst, einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des deutschen Rundfunks zu liefern.

Karl Böhm conducts: Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie Nr. 40 g-moll KV 550; Ludwig van Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-dur op. 58; Bonus-Tracks mit Probenmitschnitten zu KV 550. Radio-Sinfonieorchester Stuttgart. Branka Musulin (Klavier). Leitung: Karl Böhm.- hänssler CLASSIC CD 93.014 ("faszination musik" - History)

Carl Schuricht conducts: Richard Wagner, Parsifal, Vorspiel 1. Aufzug; Tristan und Isolde, Vorspiel 1. Akt; Morgendämmerung und Siegfrieds Rheinfahrt und Trauermarsch beim Tode Siegfrieds aus Götterdämmerung; Siegfried-Idyll; Karfreitagszauber und Finale aus 3. Aufzug Parzifal. Radio-Sinfonieorchester Stuttgart. Leitung: Carl Schuricht.- hänssler CLASSIC CD 93.019 ("faszination musik" - History)

 

Eine weitere CD der Reihe mit historischen Aufmahmen aus dem SWR-Archiv steht ganz im Zeichen Wolfgang Amadeus Mozarts: Konzertante Musik mit dem Sinfonieorchester des Südwestfunkt unter Leitung von Hans Rosbaud und Ernest Bour ist hier zu einem interassenten Stelldichein bedeutender Interpreten versammelt. Den Beginn macht eine exzellente Aufnahme des Klavierkonzerts A-Dur KV 488 mit Friedrich Gulda: Anfang des Jahres 1962 entstanden ist sie eine der letzten Einspielungen, die der eigenwillige Pianist vor seiner legendären Absage einer bevorstehenden Welttournee machte - ein Ereignis mit der er sich erstmals kategorisch dem Musikbetrieb und seinen Bedingungen verweigerte. Gulda erweist sich hier als wahrer Klangzauberer, dessen Spiel in den raschen Sätzen federnd und straff, im Adagio dagegen ganz unprätentiös und ohne den geringsten Anflug von Sentimentalität ausfällt - ein Umstand, den Hans Rosbaud durch seine zurückgenommene Orchesterführung zu unterstützen weiß.

Aus dem Jahr 1959 stammt die Einspielung des Violinkonzert D-Dur KV 218 mit dem großartigen belgischen Geiger Arthur Grumiaux, dessen markantes und klares Spiel ihn hier in Höchstform zeigt. Ihm steht hier mit Ernest Bour ein versierter Dirigent gegenüber, der den Orchesterpart des Werkes immer plastisch gestaltet und den Dialog zwischen Solist und Orchester über alle drei Sätze hinweg spannend hält. Der früh verstorbene Hornist Dennis Brain ist der Solist des Hornkonzerts Es-Dur KV 447, das - hier wieder unter Hans Rosbaud - im Jahr 1953 produziert wurde. Die Aufnahme ist insbesondere durch die weiche Tongebung des Solisten, aber auch durch sein Gefühl für kaum merkliche dramatische Schattierungen der Musik gekennzeichnet. Ergänzend zu den drei Instrumentalkonzerten wird die CD durch eine Aufnahme von Mozarts Rezitativo und Rondo "Ch'io mi scordi di te" für Sopran und Orchester und obligatem Klavier KV 505 aus dem Jahr 1953 abgerundet. Die sehr selten zu hörende Komposition - mit Suzanne Danco (Sopran) und Maria Bergmann (Klavier) unter Leitung von Hans Rosbaud - gerät hier zu einem kurzweiligen und bravourösen Hörerlebnis.

In ihrer Gesamtheit hat hänssler CLASSIC damit erneut eine sehr schöne, in sich abgerundete CD mit äußerst hörenswerten Aufnahmen vorgelegt, die auch im Bereich der Tonqualität - trotz leisen Rauschens bei den ältesten Einspielungen - sehr annehmbar ist. Mein einziger Kritikpunkt ist wieder der Umstand, dass über die Entstehung der Aufnahmen im Booklet so gut wie nichts gesagt wird - und gerade solche Informationen würden diese ansonsten sehr gute Reihe mit historischen Kalngdokumenten aufwerten.

Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert A-Dur KV 488; Violinkonzert D-Dur KV 218; Recitativo und Rondo "Ch'io mi scordi di te" KV 505; Hornkonzert Es-Dur K 447. Friedrich Gulda (Klavier), Arthur Grumiaux (Violine), Suzanne Danco (Sopran), Maria Bergmann (Klavier), Dennis Brain (Horn). Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden. Leitung: Hans Rosbaud und Ernest Bour.- hänssler CLASSIC CD 93.064 ("faszination musik" - History)

 

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© 2002 by Stefan Drees