Mahler zwischen Tradition und InnovationGustav Mahlers Sinfonien, vor fünfzig Jahren noch kaum im Bewusstsein der Öffentlichkeit und von der Tonträgerindustrie vernachlässigt, erfreuen sich heute einer großen und anhaltenden Beliebtheit. Obgleich es inzwischen viele hervorragende Einspielungen dieser riesenhaften sinfonischen Gebilde gibt, erscheinen von Zeit zu Zeit immer wieder neue Produktionen, die durch ihre Sicht auf Mahlers komplexen musikalischen Kosmos zu überraschen wissen. Dies trifft auch auf die Einspielungen des SWR Sinfonieorchsters Baden-Baden und Freiburg unter Leitung von Michael Gielen zu, die in der Reihe faszination musik bei hänssler CLASSIC erschienen sind.
So wird Mahlers Sinfonie Nr. 2 c-moll für Sopran- und Alt-Solo, Chor und Orchester (Auferstehungs-Sinfonie, 1888-94), deren Schlussteil Gielen mit einer ganz wundervollen, unaufdringlichen Schlichtheit gestaltet, ergänzt durch die Stele für großes Orchester op. 33 (1994) von György Kurtág, einem Nekrolog voller eindringlicher Trauergesten, und durch Arnold Schönbergs Kol Nidre für Sprecher, gemischten Chor und Orchester op. 39 (1938), eine für den synagogalen Gebrauch entstandene Komposition, die auf dem Text des traditionellen Gebets am Vorabend des Versöhnungsfestes (Jom Kippur) basiert. Diese Zusammenstellung ergibt ein eindrucksvolles Ganzes, in dem Mahlers Auferstehungsgewissheit und Schönbergs Bitte um Vergebung sich über Kurtágs nachdenklich erinnernde Trauer hinweg die Hand reichen.
In puncto gestalterischer Dramaturgie handelt es sich hier um zwei sehr empfehlenswerte Produktionen, deren besonderer Reiz weit über die Präsentation der einzelnen Mahler-Sinfonien hinausgeht. Nicht nur Gielens souveräne und packende Interpretation, auch die Klangqualität dieser Aufnahmen aus den Jahren 1987 bis 1997, bei denen es sich zum Teil um Live-Einspielungen handelt, ist außerordentlich gut. Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 2 c-moll; György Kurtág: Stele op. 33; Arnold Schönberg: Kol Nidre op. 39. Juliane Banse (Sopran), Cornelia Kallisch (Alt), James Johnson (Sprecher). EuropaChorAkademie. Rundfunkchor Berlin. SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Leitung: Michael Gielen.- CD hänssler CLASSIC 93.001 (CD-Bestellung) Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 3 d-moll; Franz Schubert: Rosamunde D 797, zusammen mit Anton Webern: Sechs Stücke für Orchester op. 6. Cornelia Kallisch (Alt). EuropaChorAkademie. Freiburger Domsingknaben. SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Leitung: Michael Gielen.- CD hänssler CLASSIC 93.017 (CD-Bestellung)
Klarheit und Logik der musikalischen Darstellung eignet auch der Interpretation der Drei Orchesterstücke op. 6 von Alban Berg. Gielen wahrt hier die frappierende Nähe zu Mahlers Klangwelt und zelebriert die Musik nicht nur als aufgewühlten Widerhall Mahlerscher Anregungen, sondern als katastrophisch zugespitzte Fortsetzung der 6. Sinfonie, die ihren Höhepunkt im abschließenden Marsch erreicht. Noch weit überraschender ist jedoch der Blick zurück auf das Andante h-moll D 936a Nr. 2 von Franz Schubert: hier erklingt ein sinfonisches Fragment (in der Realisation von Brian Newbould), das die Klagelaute Mahlers unüberhörbar vorweg nimmt. Kein Zweifel: diese überwältigende Produktion aus dem Hause hänssler CLASSIC gehört wohl zu den spannendsten und empfehlenswertesten Neuveröffentlichungen des Jahres 2001. Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 6 a-moll; Alban Berg: Drei Orchesterstücke op. 6; Franz Schubert: Andante h-moll D 936a Nr. 2. SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Leitung: Michael Gielen.- CD hänssler CLASSIC 93.029 (CD-Bestellung)
Das ist sehr bedauerlich, da Gielen der Musik sehr scharf profilierte Konturen zu verleihen weiß und das groteske Treiben ihrer sarkastischen Momente ebenso wie die selbstzerstörerischen und melancholischen Augenblicke häufig bis ins äußerste Extrem treibt. Höhepunkte sind hierbei ohne Zweifel die beiden Nachtmusiken, deren durchsichtiges Klanggewebe eine enorme atmosphärische Tiefe erreicht, sowie das doppelbödige Scherzo mit seinen schwebenden Walzerklängen. Aber auch der ausgreifende Kopfsatz, der in wohltuendem Detailreichtum gezeichnet ist, ohne - wie bei anderen Interpreten oft zu bemerken - in Zusammenhangslosigkeit zu fallen, weiß für sich einzunehmen. In technischer Hinsicht ist die CD jedoch leider - zumindest gilt dies für das vorliegende Rezensionsexemplar - fehlerhaft: Da ist zum einen der erste Akkord des Stückes, der wie angeschnitten wirkt, als hätte man erst kurz nach seinem Beginn die Aufnahme gestartete; zum anderen ist da der Schluss des Finalsatzes, der sich nicht mehr korrekt abspielen lässt. Beides könnte durchaus ein Resultat der fast vollständig ausgereizten Spielzeit von nahezu 80 Minuten sein. Vielleicht hätte man auch dieses Werk besser als Doppel-CD und in Kombination mit anderen Stücken veröffentlichen sollen. Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 7 cis-moll. SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Leitung: Michael Gielen.- CD hänssler CLASSIC 93.030 (CD-Bestellung)
Nach der eher enttäuschenden Einspielung der Sinfonie Nr. 7 cis-moll (1904/05) bringt hänssler CLASSIC mit der Sinfonie Nr. 4 G-Dur (1899-1900) einen weiterer Höhepunkt der Mahler-Reihe des Dirigenten Michael Gielen an die Öffentlichkeit. Es ist vor allem die Art des Musizierens, die hier beeindruckt: Gielen weiß die Musik selbst in ihren tragischen Momenten mit einer federnden, an Mozart erinnernden Leichtigkeit zu gestalten, was ihr eine einzigartige Atmosphäre verleiht und ihre mitunter melancholischen Momente um so mehr zur Geltung kommen lässt. Wie wenige andere Aufnahmen des Werkes beeindruckt diese Einspielung aus dem Jahr 1988 insbesondere durch ein hochgradig kammermusikalisches Musizieren des Orchesters. Gielen hält nicht nur an den dichtesten Stellen der Musik den Orchestersatz immer durchsichtig, so dass die teils äußerst verschlungenen instrumentalen Linien dem Hörer plastisch und individuell geformt erscheinen; auch die Abschattierungen der komplexen Dynamik mit ihren zahlreichen Schwellern und fast verspielt wirkenden Akzentsetzungen gelingt ihm auf einzigartige Weise. Die Höhepunkte dieser Aufnahme sind schwer zu benennen: für mich liegen sie insbesondere im tänzerischen zweite Satz ("In gemächlicher Bewegung. Ohne Hast"), dessen intimes Geflecht aus vielfachen Instrumentalsoli - ganz hervorragend übrigens Wolfgang Hock an der Solovioline - Gielen wie einen großer Teppich webt, dann aber auch in den weit ausschwingenden Melodiebögen des zurückhaltend und daher umso eindringlicher musizierten langsamen Satz ("Ruhevoll"), der nur an wenigen Stellen die kammermusikalische Diktion zu Gunsten einer Massierung oder einem Aufblühen des Klangs verlässt. Nicht zu vergessen ist auch die Sopranistin Christine Whittlesey, die im Finalsatz die "himmlischen Freuden" des Paradieses mit einer gelungenen Mischung aus Naivität und Ironie aufleben lässt. Erfreulich ist schließlich, dass Mahlers Musik auf dieser Produktion wieder durch das Schaffen eines anderen Komponisten der Spiegel vorgehalten wird. Diesmal ist es Franz Schrekers glänzend instrumentiertes Vorspiel zu einem Drama, in engem Zusammenhang mit seiner Oper Die Gezeichneten (1911-15) stehend, das den gelungenen Kontrapunkt zur Mahlerschen Sinfonik bildet und dabei den Hörer wieder zu Vergleichen und zur Suche nach Traditionslinien herausfordert. Auch in dieser Aufnahme aus dem Jahr 1995 schafft es Gielen auf eindrucksvolle Weise eine Balance zwischen den flirrenden Farbeffekten der musikalischen Episoden und den Bögen des übergeordneten formalen Ablaufs herzustellen. Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 4 G-Dur. Franz Schreker: Vorspiel zu einem Drama. SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Leitung: Michael Gielen.- CD hänssler CLASSIC 93.046 (CD-Bestellung)
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