Wie eine weite Landschaft

Die europäische Kunst sagt: Die Zeit soll nicht vergehen. Wie in den Kathedralen, die für die Ewigkeit stehen. Die japanische Kunst geht mit der Zeit und sagt: Vergänglichkeit ist schön. Der Ton kommt aus dem Schweigen, er lebt, er geht ins Schweigen zurück.

Was der japanische Komponist Toshio Hosokawa, Jahrgang 1955, hier über die Kunst seiner Heimat sagt, lässt sich auch unmittelbar als Konstante seines eigenen Schaffens beobachten: Es ist das Aufblühen und Vergehen von Ton- und Klangereignissen, die seine Musik durchziehen und die Augenblicke zwischen den Momenten des Schweigens erfüllen. Dass dies immer auf andere Weise geschieht, verdeutlicht die Porträt-CD des Labels KAIROS an Hand von vier höchst unterschiedlichen Kompositionen aus der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre, die einen faszinierenden Einblick in die Klangwelten Hosokawas geben.

An erster Stelle steht "Koto-uta" für Gesang und Koto (1999), eine rund zehnminütige Vokalkomposition, in der ein japanisches Liebesgedicht im Stil einer traditionellen Gattung der japanischen Musik neu-komponiert ist. Kyoko Kawamura als Solistin vermag auf eindrucksvolle Weise zu verdeutlichen, wie sich dabei - um Worte des Komponisten zu paraphrasieren - die Kraft des Tons und die Kraft des Schweigens gegenseitig bedingen und im Sinne einer Zeitdehnung intensiviert werden: Mit ihren gezupften Kotoklängen, die sich häufig in eine spannungsvolle Stille hinein verlieren und dem weitläufigen Gesang, der mitunter kleinste Bewegungen in den Raum schreibt, ist die Komposition ein herorragendes Beispiel dafür, wie eine genuin japanische, die Traditionen des Landes wahrende zeitgenössische Musik klingen kann.

Dem intimen Vokalstück stehen drei größer besetzte Ensemble- und Orchesterwerke mit und ohne Soloinstrument gegenüber. Trotz der individuellen Unterschiede sind ihnen gewisse Merkmale gemeinsam: mit ihren flüchtigen Texturen erwecken sie den Eindruck von Skizzenhaftigkeit, der sich auf das Vorbild ostasiatischer Landschaftsmalerei zu berufen und deren räumliche Leere ins zeitliche Nacheinander auszubreiten scheint. Hosokawas zerbrechliche Klanggesten öffenen so einen Assoziationsraum, der durchaus analog zu den zarten Pinselstrichen der Malerei in den ansonsten leeren Bildern funktioniert - ein Raum, der sowohl mit naturhaftem Klang als auch mit gespannter Stille angefüllt sein kann.

Im Hinblick auf solche Analogien ist das äußerst fein ausgehörte Orchesterwerk "Ferne-Landschaft II" (1996), vom Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Ken Takaseki in kammermusikalischer Zurückhaltung wie eine magische Beschwörung von Klangsituation zelebriert, ein weiterer Höhepunkt der Produktion, dicht gefolgt von dem eindringlichen Konzert für Saxophon und Orchester (1998/99), das vom klangvollen Spiel des hervorragenden Solisten Johannes Ernst lebt. Ebenso wie in diesem Konzert entfaltet Hosokawa auch in den Klanggeweben von "Voyage I" für Violine und Ensemble (1997) eine geheimnisvolle Schönheit, die durch den nuancierten Vortrag der Interpreten, in der musikFabrik unter Peter Rundel mit Asako Urushihara als Solistin, ausgeleuchtet wird.

Allerdings fällt letzteres Stück als Live-Aufnahme - es handelt sich dabei um den vom WDR produzierten Mitschnitt der Uraufführung von den Wittener Tagen für neue Kammermusik 1997, der bereits auf der Dokumentations-CD des Festivals veröffentlicht wurde - mit seinem leicht diffusen und durch Nebengeräusche belasteten Klangbild etwas aus der ansonsten klanglich ganz hervorragenden CD heraus. Das ändert aber nichts daran, dass im Zusammenhang aller Kompostionen ein packendes Porträt des Komponisten Toshio Hosokawa entstanden ist, das in vielerlei Hinsicht für seine Musik einnimmt. Allein die Pausen zwischen den einzelnen Musikstücken sind leider unverständlicher Weise viel zu kurz geraten, folgen doch die einzelnen Werke so rasch aufeinander, dass man kaum Zeit hat, dem Ausklang des gerade zu Ende gegangenen Stückes in der Stille nachzuhören.

Toshio Hosokawa: Koto-uta für Gesang und Koto (1999); Voyage I für Violine und Ensemble (1997); Konzert für Saxofon und Orchester (1998/99); Ferne-Landschaft II für Orchester (1996). Kyoko Kawamura (Gesang & Koto). Asako Urushihara (Violine). musikFabrik. Leitung: Peter Rundel. Johannes Ernst (Saxofon). Deutsches Symphonie-Orchester Berlin. Leitung: Ken Takaseki.- CD KAIROS 0012172KAI

 

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© 2001 by Stefan Drees