Kalkulierter Klangzauber
Herausgekommen ist dabei eine Reflexion über das Sterben, die sich auf vier sehr unterschiedliche poetische Versuche stützt, das Ungreifbare mit Worten zu fassen. Unterbrochen von instrumentalen Zwischenteilen werden diese Texte - in "La mort de l'ange" aus der Feder des französichen Lyrikers Chritsian Guez Ricord, in "La mort de la civilisation" von ägyptischen Sarkpohagen des mittleren Reiches, in "La mort de la voix" von der antiken griechischen Dichterin Erinna aus Telos und in "La mort de l'humanité" sowie in der abschließenden "Berceuse" aus dem "Gilgamesch-Epos" stammend - zur Grundlage einer musikalischen Reise, in deren gedanklichem Mittelpunkt die Situation des Nicht-mehr-Lebens steht.
In jedem einzelnen Moment der Einspielung spürt man förmlich, dass Cambreling es sich zum persönlichen Anliegen macht, Griseys zarte und doch zurückhaltende Klangsinnlichkeit, der man manchmal fast impressionistische Momente attestieren möchte, zum Leuchten zu bringen. Es ist ein wahres Fluoreszieren raffiniert ausgetüftelter Gewebe aus mikrotonalen Melodielinien und Geräuschspektren, die hier auf beeindruckende Weise von dem hervorragend disponierten Klangforum ausgebreitet werden: aus winzigen, fast unbedeutenden Gesten und Farbzerlegungen entsteht unter Cambrelings Stabführung ein perfekt ausbalanciertes Gebilde, dem Catherine Dubosc mit ihrem eindringlichen und enorm nuancenreichen Vortrag zwischen Deklamation, Gesang und Schrei eine Fülle unter die Haut gehender Momente einschreibt. Die intensive Darbietung dieses Klanggemäldes legt die gefühlsmäßigen Qualitäten der Musik frei und bleibt doch zugleich in einer gewissen Distanz zu ihnen, so dass das Ergebnis zwar durchaus emotional packt, aber dennoch niemals überzeichnet wirkt oder ins Sentimentale abgleitet. Der wohl spannendste Augenblick, der geräuschhafte Ausbruch des Schlagzeugs im "Faux Interlude", der in die apokalyptische Sintflutschilderung des "Mort de l'humanité" mündet, um schließlich in der "Berceuse" zum Zustand schwebender - und fragender - Ruhe zu finden, enthült die ganze Skala instrumentaler und vokaler Kontraste: die abgetönten, flirrenden, spitzen und aufblühenden Gesten der Interpreten lassen die komplexen Texturen der Komposition dabei wie Lichtbrechungen in einem geschliffenen Kritstall wirken. Nach rund 41 Minuten findet Griseys ausgeklügelter Klangzauber sein Ende - und hier muss man lobend hervorheben, dass KAIROS kein weiteres Musikstück auf die CD gepackt hat, um die verbleibende Zeit aufzufüllen, wodurch es dem Hörer ermöglicht wird, sich allein der Wirkung der Quatre chants pour franchir le seuil zu überlassen. Eine intensivere Interpretation dieses Zyklus lässt sich schwerlich denken: hier ist eine selten gute Einspielung gelungen, in der emotionale Darstellung und strukturelles Kalkül einander perfekt die Waage halten - und die nicht zuletzt dazu beitragen könnte, Griseys eindringliche Reflexion über das Sterben einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Gérard Grisey: Quatre chants pour franchir le seuil für Sopran und Ensemble (1997/98). Catherine Dubosc (Sopran). Klangforum Wien. Leitung: Sylvain Cambreling.- CD KAIROS 0012252KAI
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