Kristallene Skulpturen aus Klang

"Wenn wir am Wasserfall stehen, nehmen wir unsere Gedanken wahr, aber nicht den Wasserfall selbst; und wenn es uns gelingt, die Gedanken ruhen zu lassen, hören wir eine Melodie im Getöse. Ein jeder seine Eigene.

Diese Worte des Komponisten Peter Ablinger enthalten die Essenz dessen, was seine Musik ausmacht: Seine Werke gleichen einem konturlosen Rauschen, das der Hörer selbst strukturieren muss, um sich darin zurecht zu finden. Es handelt sich um eine Musik, die ein aufmerksames Hineinlauschen und ein geduldiges Eindringen in ihr dem ersten Anschein nach abweisendes Äußeres erfordert. Fast könnte man sie als ereignislos beschreiben, präsentiert sie doch meist vom ersten bis zum letzten Ton eine Klangsituation, die sich oberflächlich gesehen kaum verändert. Doch damit wird man Ablingers Werken nicht gerecht. Vielleicht sollte man sie eher als Skulpturen aus Klang beschreiben: räumlich wirkende Gebilde, die zwar ihre Konturen bewahren, innerhalb derer sich aber eine Vielzahl von Klangereignissen feinster Art abspielen, weshalb sie in permanenter Bewegung sind.

Ausleuchtung von Klangräumen

Eine CD-Produktion mit drei Ensemblestücken, die das Wiener Label KAIROS in Koproduktion mit dem SFB veröffentlicht hat, macht diese Art des Komponierens samt ihrer Eigenarten in einer Interpretation mit dem Klangforum Wien unter Leitung von Sylvain Cambreling hautnah erlebbar. So ist Der Regen, das Glas, das Lachen für 25 Instrumentalisten (1994) im Grunde ein Eintonstück, das sich im Verlauf von über 20 Minuten einmal durch den musikalischen Raum einer Oktave bewegt und gleichzeitig auf Grund seiner Anlage in verschiedenen kompositorischen Schichten wie ein komplexes Rauschen wirkt. Dies führt dazu, dass der Hörer bei der Wahrnehmung einen individuellen Verlauf durch dieses Klangkonglomerat selektiert.

Mit der Übereinanderschichtung verschiedener Ebenen arbeitet Ablinger auch in seinen Kompositionen Ohne Titel für 14 Instrumentalisten (1992) und Quadraturen IV ("Selbstportrait mit Berlin") für Ensemble und Zuspielband (1995-98): immer ist es das Ähnliche, das in vielfachen Brechungen häufig mithilfe minimalster musikalischer Mittel ausgeleuchtet und verändert wird - ein Effekt, der in letzterer Komposition durch die zusätzliche Verwendung zugespielter Aufnahmen mit Straßenlärm intensiviert wird.

Obgleich die Aufnahmequalität der beiden Live-Aufnahmen von Der Regen, das Glas, das Lachen und Quadratur IV nicht die Klarheit der Studioaufnahme von Ohne Titel erreicht, bestechen die klingenden Ergebnisse allesamt durch die äußerst feinfühlige Zeichnung fluktuierender Ereignisse, die Cambreling aus den Instrumentalaktionen des Ensembles herausfiltert. Am besten und eindringlichsten erfährt man die ständigen Bewegungen des musikalischen Gewebes freilich erst, wenn man sich den versammelten Stücken unter Zuhilfenahme eines Kopfhörers widmet.

Peter Ablinger: Der Regen, das Glas, das Lachen (1994); Ohne Titel (1992); Quadraturen IV («Selbstportrait mit Berlin») (1995-98). Klangforum Wien. Leitung: Sylvain Cambreling.- CD KAIROS 0012192KAI

Klingende Lichtbrechungen

Dass Peter Ablinger seine Musik durchaus analog zu Vorstellungen aus der Kunst konzipiert, belegt der Zyklus der Grisailles für Klavier (1991-93), den die Pianistin Hildegard Kleeb beim Label HatHutRecords eingespielt hat. Die Klavierminiaturen reflektieren die visuelle Vielfalt der Grautöne in den Glasfenstern der Zisterzienser-Abtei Heiligenkreuz, die bei unterschiedlichen Lichteinfällen zu Tage kommen. Die auskomponierten Momente spiegeln diese Mannigfaltigkeit in einer Musik, deren gewollter Redundanz die Ornamentik und Klanggebung zu ihren wesentlichsten Ausdrucksträgern macht.

Auch hier regiert die minimale Veränderung innerhalb des Klingenden. Die phänomenale Konzentriertheit von Hildegard Kleebs Spiel, das die überlappenden kompositorischen Schichten mit großer artikulatorischer und farblicher Rafinesse bewältigt, lädt dazu ein, den Stillstand als Veränderung von Lichtverhältnissen, als langwährenden Wandel über 50 Minuten hinweg zu verfolgen und sich dabei in die feinen Verästelungen des Klingen hinein zu versenken. Dies wird durch eine exzellente Aufnahmetechnik unterstützt, die den Klavierklang so stark verräumlicht, dass der Hörer sich von ihm umgeben glaubt.

Peter Ablinger: Grisailles 1-100 (1991-93). Hildegard Kleeb (Klavier).- CD hat [now] ART 132

 

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© 2001 by Stefan Drees