Passionsgeschichten an der Wende zum dritten Jahrtausend

Einer der ungewöhnlichsten Beiträge zum Bach-Jahr 2000 dürfte ohne Zweifel das Projekt Passion 2000 gewesen sein. Initiiert von der Internationalen Bachakademie Stuttgart und ihrem künstlerischen Leiter Helmuth Rilling, wurden vier Komponisten aus unterschiedlichen Kulturräumen - Wolfgang Rihm, Sofia Gubaidulina, Osvaldo Golijov und Tan Dun - dazu eingeladen, sich mit einer musikalischen Gattung auseinander zu setzen, für die Bach mit seinen beiden Passionen nach den Evangelisten Matthäus und Johannes zwei Maßstab setzende Werke geschaffen hat. Der große Publikumserfolg, den die Uraufführungen der entstandenen Kompositionen beim Europäischen Musikfest in Stuttgart hatten, lässt es nur konsequent erscheinen, dass drei dieser insgesamt vier Konzertereignisse nun in Zusammenarbeit mit hänssler CLASSIC auf Tonträger veröffentlicht wurden.

Wolfgang Rihm: "Deus Passus. Passions-Stücke nach Lukas"

Den Beginn macht eine Doppel-CD, die Wolfgang Rihms Auseinandersetzung mit den Bachschen Passionen dokumentiert. Deus Passus. Passions-Stücke nach Lukas nennt Rihm seine eineinhalbstündige Komposition, in der das Passionsgeschehen auf der Basis des Lukas-Evangeliums durch Verwendung eines Gedichtes von Paul Celan aus der Unverbindlichkeit vergangener Zeiten in die Aktualität der jüngsten Vergangenheit transportiert wird. Dem "leidenden Gott" (Deus Passus) stellt er den "leidenden Menschen" zur Seite, womit er auf eine radikale Umkehr des bisherigen Passionsverständnisses abzielt. Diese Ausrichtung erschließt sich dem Hörer aus der gelungenen Zusammenstellung des vertonten Textes: der Evangelienbericht - und damit die eigentliche Handlung - wird zunächst auf ihre wesentlichen Momente konzentriert und zugespitzt; dadurch gewinnt Rihm Platz für reflexive Momente, die auf Texten aus der Karwochen-Liturgie der römischen Kirche sowie dem abschließenden Celan-Text basieren.

Nicht nur diese Einfügungen stehen ganz in der Tradition von Bachs Passionsvertonungen, in denen die Form der Arie den Raum für die Reflexion des Individuums eröffnet. Auch auf der Ebene des kompositorischen Materials nähert sich Rihm dem Gestus Bachs an, indem er immer wieder Elemente barocker musikalischer Rhetorik aufgreift und sie mit seiner eigenen Sprache verbindet - ein Verfahren, das allerdings nicht immer überzeugt und viele Momente als Fremdkörper erscheinen lässt. Rihm zeigt sich bei weitem nicht so souverän wie in anderen Kompositionen; seine Musik wirkt hier - wohl auch bedingt durch die Länge des zu vertonenden Textes - weitschweifig und findet seltener zu jenem konzentrierten Tonfall, der seine Werke sonst bestimmt.

Dennoch gibt es viele eindrucksvolle Momente, die in der Interpretation der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegium Stuttgart unter Leitung von Helmuth Rilling hervorragend zur Geltung kommen. Rilling gestaltet das in eher dunklen Klangfarben gehaltene Werk mit viel Sinn für die Dramatik des Textes und wird dabei von hervorragenden Gesangssolisten - allen voran der äußert eindringlich agierende Christoph Prégardien (Tenor) - unterstützt. Spannende Momente ergeben sich etwa durch die engmaschigen Stimmverflechtungen der Solisten in Nr. 4 ("Und er ging hinaus") oder durch die kalkulierte Chorsteigerung von Nr. 7 ("Eripe me, Domine"), vor allem aber im unheilvoll zischenden Flüstern des Namen "Barrabas", das den Chorsatz Nr. 14 zu einem der dramatischsten und wirkungsvollsten Augenblicke der gesamten Komposition macht. Entstanden ist hier eine Aufnahme, die allein schon auf Grund ihres dokumentarischen Wertes durchaus empfehlenswert ist.

Wolfgang Rihm: "Deus Passus. Passions-Stücke nach Lukas". Juliane Banse (Sopran), Iris Vermillion (Mezzosopran), Cornelia Kallisch (Alt), Christoph Prégardien (Tenor), Andreas Schmidt (Bariton). Gächinger Kantorei. Bach-Collegium Stuttgart. Leitung: Helmuth Rilling.- hänssler CLASSIC CD 98.397

 

Osvaldo Golijov: "La Pasión según San Marcos"

Während Wolfgang Rihm durch die Verbindung der Passionsgeschichte mit dem Text Paul Celans eine historische Verknüpfung zwischen dem Leid Christi und der Vernichtung der Juden im 20. Jahrhundert herstellt, aktualisiert Osvaldo Golijov in seiner spanischsprachigen "Pasión según San Marco" das Passionsgeschehen, indem er es in Lateinamerika lokalisiert und die Frage stellt, wie Jesus dort heute leben und handeln würde. Seine Passion spielt auf der Straße, wo die Neuigkeiten durch Stimmen und Trommeln weiter gegeben werden. Einzelne Rollen, wie sie aus der barocken Passionstradition bekannt sind, gibt es in hier nicht: Jesus als Repräsentant des Volkes spricht zumeist durch den Chor, aber auch durch die Stimme von Solisten. Diese originelle Konzeption setzt der Komponist, in Argentinien in katholischer Umgebung als Sohn einer orthodoxen Jüdin aus Rumänin und eines Russen aufgewachsen, mithilfe des ganzen Spektrums der ihm eigenen kulturellen Erfahrungen um - und schießt dabei leider auch ein wenig über das Ziel hinaus.

Insgesamt ist die Verschmelzung verschiedenster musikalischer Traditionen in kunstoll stilisierter Form mit Einflüssen, die sich unter anderem aus den Quellen der Minimal Music und rituellen Elementen des christlichen Passionsspiels speisen, zwar höchst originell, kann aber in ihrer Gesamtheit auf Grund des unverstellten und manchmal recht problematischen Nebeneinanders verschiedenster Stile nicht überzeugen. Das mag daran liegen, dass die verwendeten Elemente oft zu heterogen nebeneinander stehen, um sich zu einer übergeordneten Einheit zu fügen, aber auch ein Resultat aus Golijovs Popularisierungsbedürfnis sein, dem sich zahlreiche Passagen à la Buena Vista Social Club verdanken, die das Stück zu einem wahren Happening machen. Auch viele kompositorische Effekte nutzen sich rasch ab und wirken in ihrer Anwendung allzu plakativ, etwa die kurzzeitige harmonische Verschiebung des Chorgesangs um einen Halbtonschritt (No. 8 "¿Por qué?") zur Hervorhebung bestimmter Textpassagen oder der Rückgriff auf bestimmte aus der Popularmusik Lateinamerikas bekannte harmonischer Elemente.

Die Dirigentin Maria Guinand gibt ihr Bestes, um das heterogene Erscheinungsbild der Musik zu einem einheitlichen Ganzen zu formen, tut sich aber dennoch stellenweise mit der dynamischen Gestaltung der schlagzeugbegleiteten Teile ein wenig schwer, während sie sich durch die mitreißende Gestaltung der Chorteile als Expertin für den Umgang mit Vokalmusik ausweist. Neben einigen eher ungenügend differenzierten perkussiven Klangteppichen birgt die Einspielung daher viele atmosphärisch äußerst dichte Passagen: zu ihnen gehören die drei perkussionsbegleiteten Verkündigungen (No. 3 "Primer Anuncio", No. 4 "Segundo Anuncio", No. 5 "Tercero Anuncio En Tiesta No"), deren suggestive Massenwirkungen sich dem exzellenten Vortrag der Schola Cantorum de Carácas verdankt, aber auch die allmählich in ihrer Intensität und Dramatik anwachsende No. 14 ("Eucaristía") und die fein gesponnene No. 5 ("Amanecer: Ante Pilato").

Nummern wie das intensive, von Samia Ibrahim vorgetragene "Lua descolorída" (No. 26) in galizischer Sprache, dessen lamentoartiger Ausdruck mit streicherbegleitetem Satz den Ruhepunkt der gesamten Komposition darstellt, aber auch das ausgedehnte Totengebet (No. 34 "Kaddish") in aramäischer Sprache, dessen eindringliche Umsetzung den Schlusspunkt setzt, bilden den Kontrast zu den peitschenden lateinamerikanischen Rhythmen, die in vielen Passagen die Handlung vorantreiben und gehören zu den stärksten Nummern der Komposition. In ihrer Gesamtheit - so mein Fazit - ist Golijovs "Pasión según San Marcos" trotz seiner durchaus kritisch zu bewertenden kompositorischen Umsetzung durchaus ein Werk, das die Auseinandersetzung lohnt, auf Grund seiner ungewöhnlichen Faktur jedoch einen ganz eigenen Zugang vom Hörer fordert.

Osvaldo Golijov: "La Pasión según San Marcos": Luciana Souza, Samia Ibrahim und Reynaldo González Fernández (Gesang). Orquestra La Pasión. Schola Cantrourm de Carácas, Cantoría Alberto Grau. Leitung: Maria Guinand.- hänssler CLASSIC CD 93.035

Sofia Gubaidulina: "Johannes-Passion"

In Konzeption, dramatischer Gestaltung und musikalischer Umsetzung ist Sofia Gubaidulinas Passion wohl die eindrucksvollste und wichtigste der vorgelegten Kompositionen zum Projekt Passion 2000. Bereits die Textvorlage in russischer Sprache verdeutlicht, dass es der Komponistin nicht um eine an der dramatischen Handlung orientierten Vertonung des Johannes-Evangeliums geht. Ausgehend von dem Umstand, dass es in der russisch-orthodoxen Kirchenmusik keine Tradition der Passionskomposition gibt, konstruiert sie vielmehr ein über das Passionsgeschehen hinaus gehendes mehrschichtiges Textgerüst, in dem Teile des Evangeliums mit Passagen aus der Offenbarung des Johannes korrespondieren, sich also das konkrete Leidensgeschehen Christi als Ereignis in der Zeit immer wieder mit dem überzeitlichen Geschehen im Himmel kreuzt.

Dieses In-Bezug-Setzen verschiedener Ebenen äußert sich in der komplexen Verflechtung von Passionsgeschichte und Kommentar, die formal als eine Art Responsorium umgesetzt wird und kompositorisch immer wieder die Durchkreuzung verschiedener Orchesterbesetzungen als dramaturgisches Mittel nutzt. Dabei schreiten die insgesamt elf Episoden jedoch immer im Duktus eines breit strömenden Rezitativs voran und verleihen dem Werk so einen weit gespannten, fast meditativ zu nennenden Atem. Die musikalische Realisierung dieser Konzeption ist bei Valery Gergiev in besten Händen: er lässt das Orchester des Mariinsky-Theaters mit angemessener Zurückhaltung musizieren, modelliert aber immer wieder die Knotenpunkte der Komposition mit ihren eigentümlichen Instrumentationswirkungen mit fast skulpturhafter Prägnanz.

Gleiches gilt für den Kammerchor St. Petersburg und den Chor des Mariinsky Theaters, aber auch für die Gesangssolisten, deren intensiver Vortrag den Ernst von Gubaidulinas Komposition unterstützt . Ein ganz besonderes Lob gilt hierbei dem Bass Genady Bezzubenkov, dessen eindrucksvoller Leistung bei der Umsetzung der vielen rezitativischen Passagen die Aufnahme einen großen Teil ihrer äußerst dichten und nachhaltigen atmosphärischen Wirkung verdankt. Unverständlich mutet es daher an, dass man es für nötig hielt, die CD mit dem Beifall des Publikums enden zu lassen und auf diese unnötige akustische Zugabe nicht aus Gründen der Konzentration auf die Gesamtwirkung verzichtet hat - was ohne Probleme möglich gewesen wäre.

Sofia Gubaidulina: "Johannes-Passion". Natalia Korneva (Sopran), Viktor Lutsiuk (Tenor), Fedor Mozhaev (Bariton), Genady Bezzubenkov (Bass). Kammerchor St. Petersburg. Chor und Orchester des Mariinsky Theaters St. Petersburg. Leitung: Valery Gergiev.- hänssler CLASSIC CD 98.405

 

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© 2001 by Stefan Drees