Mit unheimlicher Präzision

"Man kann ihr begegnen, bevor sie einen trifft, diese Musik, aber ausweichen kann man nicht."

Dieser Satz, mit dem Elfriede Jelinek die Musik Olga Neuwirths im begleitenden Booklet charakterisiert, wird durch den Beginn der CD bestätigt: Ein überraschend lauter und harter Klang eröffnet den Reigen - ein Klang, dem man sich nicht entziehen kann, dessen Konturen sofort zu gleiten beginnen und sich in bewegte Komponenten auflösen, um dann in eine gespenstisch anmutende Atmosphäre zu münden, die sich aus den fahlen Schemen instrumentaler Gesten und aus glasartigen Klängen zusammensetzt. Neben anderen Klangereignissen - etwa verfremdeten Fetzen scheinbar bekannter Musik, die beim Hörer ein Gefühl der Vertrautheit auslösen - dominieren solche Farben die Musik der drei Instrumental-Inseln aus "Bählamms Fest" für zentral im Raum postiertes Ensemble und Live-Elektronik (1997-99/2000).

Diese Stücke bilden gewissermaßen den roten Faden der jüngst erschienenen Porträt-CD aus dem Hause KAIROS; zwischen sie wurden zwei weitere Werke, nämlich die Kompositionen Vampyrotheone (1995) für drei Solisten und drei Ensembleformationen (1995) und Hooloomooloo für Ensemble in drei Gruppen mit Zuspiel-CD (1996/97), eingestreut. Entstanden ist dadurch eine aufregende Zusammenstellung von Kompositionen Olga Neuwirths aus der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre, die von den Instrumental-Inseln quasi zusammen gehalten wird und durch ihren großen Kontrastreichtum überzeugt.

Die Realisierung von Olga Neuwirths Partituren durch das Klangforum Wien unter Leitung von Sylvain Cambreling hat zunächst einmal eine fast unheimliche Präzision: So wirkt etwa in Hooloomooloo, wo die einzelnen instrumentalen Schichten mit ihren komplizierten Verästelungen und klangräumlichen Wechselwirkungen die Werkdramaturgie beinflussen, jede noch so knappe Geste stimmig, jede Schattierung sitzt an ihrem richtigen Ort. Cambreling modelliert hier mit Hilfe des exzellent agierenden Ensembles eine aufregende Klangskulptur, die eine soghafte Wirkung auf den Zuhörer auszuüben scheint und ihn immer wieder in die Musik hinein zu ziehen versucht. Ein ganz großes Lob gebührt hierbei auch der Aufnahmetechnik und dem Produktionsteam, die durch ein perfektes und kristallklares Klangbild die Wahrnehmung solcher Effekte ermöglichen.

Auch in Vampyrotheone packt insbesondere in den leisen dynamischen Bereichen die Darstellung des Klangreichtums der Partitur, der sich aus geheimnisvoll flimmernden Ton- und Geräuschflächen zusammensetzt und in Cambrelings Interpretation eine enorm plastische Binnendifferenzierung erfährt. Dennoch ist dieser Detailreichtum ein wenig unbedfriedigend ausgefallen, werden doch die Extreme am anderen Ende der Lautstärkeskala viel zu wenig ausgereizt. Hier hätte der Dirigent durchaus couragierter verfahren können: manch eine Blechbläserattacke hätte lauter zerplatzen, manch ein Fortissimo hätte furioser ausfallen dürfen. So gerät Olga Neuwirths Sammelsurium aus aufgerauhten und aufjaulenden Klangsplittern ein wenig zu brav, was angesichts der ansonsten äußerst genauen Gestaltung der komplexen Partitur bedauerlich ist.

Verblüffend gut geglückt ist allerdings - wiederum Dank Aufnahmetechnik und Produktionsteam - die Realisierung der Raumklang-Bewegungen in den drei Instrumental-Inseln, wo sich die Klänge der Live-Elektronik um den Zuhörer herum zu bewegen scheinen, ihn gleichermaßen umschmeicheln und bedrohen - eine Wirkung, die man am besten erfahren kann, wenn man der Musik mit Kopfhörern lauscht. Äußerst atmosphärisch ist dabei die zweite Insel mit ihre anspielungsreichen Klangsituationen geraten, in denen die Komponistin Unheimliches mit ironischen Verweisen kreuzt und ihr Publikum ständig verunsichert. Hier zeigt sich, wie treffend Elfriede Jelineks eingangs zitierte Formulierung ist.

Olga Neuwirth: Vampyrotheone für 3 Solisten und 3 Ensembleformationen (1995), Hooloomooloo für Ensemble in drei Gruppen mit Zuspiel-CD (1996/97), Instrumental-Inseln aus "Bähmlamms Fest" für Ensemble zentral im Raum postiert und Live-Elektronik (1997-99/2000). Ernesto Molinari (Bassklarinette), Burkhard Stangl (E-Gitarre), Rico Gubler (Baritonsaxofon). Klangforum Wien. Leitung: Sylvain Cambreling.- CD KAIROS 0012242KAI

 

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© 2001 by Stefan Drees