Brodelnde Dramatik in ausgefeilter Dynamik

Das Streichquartett e-Moll, entstanden 1872/73 zwischen der Komposition der Oper Aida und der Messa da Requiem, ist das einzige Kammermusikwerk von Giuseppe Verdi. Zunächst nicht zur Veröffentlichung bestimmt und erst 1876 nach reiflichen Überlegungen des Komponisten veröffentlicht, scheint die anspruchsvolle Instrumentalgattung offenbar eine Art Fingerübung gewesen zu sein - was angesichts der hohen künstlerischen Qualität des Stückes und der Meisterschaft, mit der Verdi den Instrumentalsatz der vier Streicher handhabt, verwundert.

In einer neuen Produktion von hänssler CLASSIC setzt das Verdi-Quartett die schwierige Komposition in ein mitreißendes und dynamisch sehr ausgefeiltes Klangbild um, in dessen Zentrum die emotionalen Kontraste der Musik stehen. Die brodelnde Dramatik im Hauptthema des Kopfsatzes kommt hierbei ebenso zur Geltung wie die lyrische Verspieltheit des Andantino-Satzes und die rauhe Wildheit des Scherzos, die in denkbar größtem Kontrast mit dem kantablen Cello-Solo seines Trio-Teils steht. Das Spiel der Musiker ist zwar meist präzise, lässt aber - insbesondere in den beiden Rahmensätzen - in puncto Intonation doch einige Wünsche offen.

Überzeugend ist vor allem die Kombination der Komposition Verdis mit einer Einspielung des Streichquartetts Nr. 3 op. 94 von Benjamin Britten, einem Werk, das 1975 kurz vor dem Tod des britischen Komponisten entstanden ist. In seiner Klarheit und sphärischen Schönheit wirkt die fünfsätzige Komposition wie eine Essenz von Brittens klassizistischem Komponieren. Die Musiker nehmen hier durch die Zeichnung des über die gesamte Partitur ausgebreiteten Klangfarbenreichtums für sich ein und zeigen, dass sie im Großen und Ganzen sehr geschickt mit den klanglichen Möglichkeiten ihrer Instrumentalbesetzung umgehen können.

Die manchmal kargen, manchmal hart-schneidenden Texturen werden mit großem Ernst und hoher atmosphärischer Dichte facettenreich umgesetzt, obgleich die technische Seite der Interpretation auch hier nicht immer ganz überzeugen kann. Am gelungensten umgesetzt erscheinen mir die hektische Erregtheit des zweiten Satzes sowie die damit kontrastierende, betonte Ruhe der fremdartig anmutenden Kantilene im anschließenden mittleren Satz, deren ätherisch entrückte Meldodieführung von schlanken Klängen begleitet wird.

Während sich das Ensemble mit den Kompositionen Brittens und Verdis auf sehr hohem Niveau bewegt, hat sich das Ensemble mit der Einspielung der Paraphrase über Themen aus der Oper "Aida" von Thomas Rabenschlag keinen Gefallen getan. Mit seinem naiven, potpourri-artigen Zugriff - etwas großspurig als "Montagement", also als Mischung von Montage und Arrangement bezeichnet - leistet Rabenschlag einen völlig überflüssigen Kommentar zu Verdis bekannter Oper, dessen musikalischer Stil gut 150 Jahre zu spät kommt. Da hilft es auch nicht, dass sich die Musiker mächtig ins Zeug legen: Das Stück macht den guten Eindruck, den die Produktion sonst vermittelt, schnell wieder zunichte. Vielleicht hätte man auf diese peinlichen acht Minuten besser verzichten sollen.

Giuseppe Verdi: Streichquartett e-moll; Benjamin Britten: Streichquartett Nr. 3 op. 94; Thomas Rabenschlag: Paraphrase über Themen aus der Oper "Aida". Verdi-Quartett: Susanne Rabenschlag (Violine), Peter Stein (Violine), Karin Wolf (Viola), Didier Poskin (Violoncello).- hänssler CLASSIC CD 98.394

 

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© 2001 by Stefan Drees