Tiefgründiger Beziehungsreichtum

Die letzte vollendete Instrumentalkomposition Anton Weberns, umrahmt von zwei Sinfonien des jungen Franz Schubert - macht das Sinn? Mit diesem tiefgründigen Kontrastprogramm überraschen Hans Zender und das SWR Sinfonieorchester auf einer neue CD der Reihe faszination musik ihre Hörer. Zunächst einmal muss man feststellen, dass Zender die Vorzüge eines detailgetreu arbeitenden Dirigenten mit denen eines die Musik analytisch durchdringenden Komponisten in idealer Weise vereinigt. Sein Zugriff auf Schuberts Sinfonien, das wird beim Hören sofort deutlich, ist phänomenal: Eindringlich gerät schon die geheimnisvolle Adagio-Einleitung der Sinfonie Nr. 1 D-Dur D 82 (1813).

Das exzellent ausbalancierte Verhältnis zwischen Streichern und Bläsern ist hier Garant für ein in sich abgerundetes Klangbild, das den Komponisten Schubert als großen Lyriker und Melodiker zeigt. Dass es nicht bloß bei einem schwelgerischen Melodienreigen bleibt, ist Zenders großer Sensibilität für die leisen dramatischen Regungen und Zwischentöne dieser augenscheinlich heiteren Musik zu verdanken. Es ist - bildlich gesprochen -, als würde ein sonniger Tag immer wieder von den Schatten vorüber ziehender Wölkchen eingetrübt: die klagende Kantilene der Streicher, die sich in das Thema des Kopfsatzes mischt, sowie die gleitenden Dissonanzen des Holzbläserchorals, die im ersten Satz das Ende der Durchführung markieren, gehören hier mit zu den einringlichsten Passagen.

Sehr gelungen sind auch die fahlen und düsteren Schatten in der Einleitung der Sinfonie Nr. 4 c-moll D 417 (1816) sowie die stürmisch-erregte Stimmung des Kopfsatzes mit ihrer zurückhaltenden, doch immer wieder hervorbrechenden Dramatik. Obgleich auch diese Einspielung viele wundervolle Momente enthält, kann sie nicht ganz mit der Brillanz der 1. Sinfonie mithalten; der Finalsatz wirkt in seiner Tempogebung gar ein wenig betulich. Schuld hat hier allerdings teils auch die im Vergleich zu den übrigen Stücken der CD unbefriedigendere Aufnahmequalität, die das Klangbild ein wenig zu mulmig erscheinen lässt. Zudem gibt es im Vortrag der Holzbläser insbesondere zu Beginn des Kopfsatzes starke Defizite. Vom Höreindruck her würde ich daher in diesem Fall auf eine Live-Aufnahme tippen, was jedoch weder durch das Booklet - das im Übrigen einen zwar kurzen, aber sehr lesenswerten Text aus der Feder von Josef Häusler enthält - noch durch die Informationen auf dem CD-Cover in irgendeiner Weise bestätigt wird.

Wie fügt sich aber nun das anfangs erwähnte Mittelstück in die Produktion? Die Zusammenstellung zweier Schubertscher Sinfonien mit Anton Weberns Variationen für Orchester op. 30 (1940) - einem von Weberns letzten und strengsten Werken - macht durchaus Sinn: So wie Zender in Schuberts Musik die zukunftsweisenden Zwischentöne hervorzuheben weiß, zeugt seine Interpretation der Orchestervariation von Weberns Verankerung in der Tradition: Die expressiven und kompromisslos kurzen Gesten verkommen hier nicht zu jenen nüchternen und kargen Phrasen, die man in vielen anderen Aufnahmen dieses schwierigen Werkes hören kann; die präzise ausgehörten Details des fragilen Satzgewebes sind vielmehr mit viel Sinn für die Möglichkeiten des Klangs zu einer übergreifenden Einheit zusammengesetzt. Dabei lässt Zender in dem leichtgesponnenen Gewebe immer wieder melodiöse Reminiszenzen an Schubert anklingen und deckt somit die Zusammenhänge zwischen beiden Komponisten in ihrer Vorliebe zum Lyrischen auf.

Franz Schubert: Sinfonie Nr. 1 D-Dur D 82; Anton Webern: Variationen für Orchester op. 30; Franz Schubert: Sinfonie Nr. 4 c-moll D 417. SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Leitung: Hans Zender.- CD hänssler CLASSIC 93.016

 

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© 2001 by Stefan Drees