Impressionen aus der Zwischenkriegszeit

Abseits der ausgetretenen Repertoirewege widmet sich das Leipziger Streichquartett in seiner neuen CD-Produktion drei Kompositionen, die in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen entstanden sind - in einer Zeit also, in der es in der Musikwelt wieder einmal gärte und brodelte. Im Mittelpunkt der Neuveröffentlichung, einer Koproduktion mit dem DeutschlandRadio Berlin, steht mit Kurt Weill zunächst ein Komponist, der wie kaum ein zweiter die deutsche Musiklandschaft der 1920er-Jahre verändert hat. Seine beiden Streichquartette jedoch zeigen einen Weill jenseits der bekannten Bühnenwerke: einen jungen Tonsetzer auf der Suche nach dem seinen Wünschen und Fähigkeiten entsprechenden musikalischen Terrain. Die Werke dokumentieren denn auch ein wichtiges Stück persönlicher Entwicklung, nämlich den Wechsel von einer durch die Spätromantik beeinflussten Tonsprache zu einem Begriff von Modernität, der sich - unter dem Einfluss des Lehrers Feruccio Busoni - dem Ideal der Klassizität verpflichtet fühlte.

Das Echo großer Vorbilder ist in Weills frühem Streichquartett h-moll von 1919 unverkennbar. Aus der stilistischen Heteregonität, hinter der sich die Unsicherheit des jungen Musikers verbirgt, offenbart sich jedoch bereits seine Fähigkeit, differenzierte musikalische Charaktere zu formen. Diesem Zugriff auf das musikalische Material passen sich die vier Musiker hervorragend an: der Vortrag wirkt - bildlich gesprochen - wie der Aufmarsch verschiedener Personen. Die Differenzierung des Tonsatzes gelingt dabei immer außerordentlich gut: das plastische Hervortreten einzelner melodischer Stimmen gegenüber den häufig komplizierten Begleitfiguren, aber auch das hohes Maß an klanglicher Homogenität, das insbesondere in den Steigerungspassagen des langsamen Satz aber auch im beschwingten Finale zur Anwendung kommt, sind die Eckpunkte einer in sich stimmigen Interpretation des teilweise recht sperrigen Werkes.

Gegenüber Weills frühem Quartett sind die musikalischen Fortschritte seines op. 8 aus den Jahren 1922/23 unverkennbar. An die Stelle des romantischen Pathos ist eine objektivere, neutrale und fast distanzierte Tonsprache getreten, die sich an der Beherrschung und Nutzbarmachung klassischer Formmodelle orientiert. Diesem Umstand passt sich der interpretatorische Zugriff des Leipziger Streichquartetts an: das Ensemble stellt der früheren Komposition gekonnt eine konträre Welt gegenüber und überzeugt so wieder einmal durch eine Gestaltungsart, die den beiden differierenden Partituren adäquat angepasst ist. Der Vortrag ist hier mit manchmal knisternder Zurückhaltung realisiert, die insbesondere die abgedunkelten Klangfarben und den hektischen Ausbruch des ersten Satzes zu einem eindringlichen Hörerlebnis werden lässt.

Etwas heikler ist dagegen die Interpretation von Paul Hindemiths Komposition Minimax. Repertorium für Militärmusik (1923), die als ironische Auseinandersetzung mit der Militärblasmusik den denkbar größten Kontrast zu Weills beiden Quartetten darstellt. Obgleich es viele Stellen gibt, die den Hörer zum Schmunzeln veranlassen, fehlt es hier manchmal ein wenig am nötigen Biss. Allzu sehr verlassen sich die Musiker auf den Witz des Notentextes, was mitunter dazu führt, dass die Umsetzung der Parodie mit ihren lustvollen Kommentaren zur kleinbürgerlichen Musizierlust ein klein wenig zu ernst gerät und - insbesondere im wohlklingenden Konzertwalzer Löwenzähnchen an Baches Rand - zur wohllüstig musizierten Salonmusik wird.

Kurt Weill: Streichquartett h-moll; Streichquartett op. 8. Paul Hindemith: Minimax. Leipziger Streichquartett: Andreas Seidel (Violine), Tilman Büning (Violine), Ivo Bauer (Viola), Matthias Moosdorf (Violoncello).- CD MDG 307 1071-2

 

Links zum Thema:

Zurück zum Index

© 2001 by Stefan Drees