Meilenstein der experimentellen Musik

Ohne Umschweife verdient die vorliegende CD-Veröffentlichung ein sehr großes Lob: nicht nur weil dieses wichtige historische Tondokument - der Mitschnitt eines Konzerts, das am 5. Mai 1972 während des Festivals "Pro Musica Nova" in der Bremer "Glocke" stattfand - nun erstmals einem breiteren Zuhörerkreis zugänglich gemacht wird; auch die sorgfältige Art und Weise, wie die Doppel-CD dieses Ereignis präsentiert, verdient Beachtung: das Booklet führt anhand eines ausführlichen Essays von Elliott Schwartz in die Ästhetik von David Tudor (1926-1996) und John Cage (1912-1992) ein, hebt die jeweiligen Eigenarten und Quellen ihrer Arbeit hervor und kommt auch auf den besonderen Stellenwert des festgehaltenen Konzertereignisses zu sprechen. Hans Otte, in den 1970er-Jahren leitender Musikredakteur von Radio Bremen und Produzent der vorliegenden Aufnahme, bereichert diese wissenschaftliche - aber keineswegs trockene - Einführung durch einige persönliche Erinnerungen aus der Vorbereitungszeit des Konzerts. Eine willkommene Ergänzung bieten schließlich einige diskografische Angaben sowie eine Auswahlbibliografie mit wichtigen Publikationen zu Cage und Tudor.

Ganz unproblematisch sind Aufnahmen dieser Art ja nicht: die CD ist im Grunde ein eindimensionales Medium und gewährt kaum Informationen über jene Aspekte einer Aufführung, die über die erzeugten Klänge hinausgehen. So fällt auch hier die durch die Wechselwirkung beider Komponisten gegebene "szenische" Komponente weg. Die Qualität des Konzert-Mitschnitts vermag dies jedoch durchaus zu kompensieren. Der Hörer kann die knisternde Spannung der Live-Situation (inklusive einzelner Reaktionen des Publikums) miterleben; dabei überzeugen vor allem die Klangqualität und die räumliche Tiefenwirkung der fixierten Musik. Dass die Aufnahme in das Programm der amerikanischen New World Records aufgenommen wurde, verdeutlicht ihren hohen Stellenwert (vertreibt dieses Label doch eine Anthologie amerikanischer Musik, deren eindrucksvoller Umfang das nationale Musikschaffen in allen seinen Facetten zeigen möchte).

Der Mitschnitt dokumentiert zwei einzigartige Pioniere der experimentellen Musik auf der Höhe ihres Schaffens mit einer simultanen Aufführung zweier Kompositionen: Cages Vokalstück Mureau (1970) ist eine ausgearbeitete Textcollage, in der Passagen aus den Tagebüchern Henry David Thoreaus - insbesondere solche, die das Thema Musik berühren - verwendet werden. Darauf verweist auch der Titel der sich als Zusammenfügung aus "music" und "Thoreau" ergibt. Cage präsentiert die Komposition in einer quasi vierstimmigen Realisation, indem er seinen Live-Vortrag mit drei vorbereiteten Tonbandspuren kombiniert. Im Gegensatz hierzu basiert Tudors Rainforest II (1972) auf Klangereignissen, die während der Aufführung in Echtzeit verändert werden. Grundlage sind im vorliegenden Beispiel die Vokalklänge Cages, die mithilfe selbst gebauter elektronischer Apparaturen stark transformiert, gefiltert, verändert, verfremdet, verstärkt und schließlich durch verschiedene Lausprecher im Aufführungsraum abgestrahlt werden, woraus sich eine lebendige, skulpturhafte Klangumgebung aus faszinierenden Geräusch- und Klangnuancen ergibt.

Die zeitgleich verlaufende Wiedergabe beider Stücke zeitigt ein Klangergebnis, dem der Zuhörer auf jeden Fall aufmerksam folgen sollte. Die feinen Verästelungen von Tudors geheimnisvoll zirpender Klangwelt und die melodiöse, durchaus an den Gesang buddhistischer Mönche erinnernde Rezitation, die Cage seinem Text angedeihen lässt, gehen hier eine packende Synthese ein, in der dennoch beide Elemente deutlich unterscheidbar nebeneinander existieren.

David Tudor: Rainforest II, John Cage: Mureau. A Simultaneous Performance. David Tudor (Live-Elektronik), John Cage (Stimme und Tonband).- CD New World Records 80540-2

 

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© 2001 by Stefan Drees