Meilenstein der experimentellen Musik
Ganz unproblematisch sind Aufnahmen dieser Art ja nicht: die CD ist im Grunde ein eindimensionales Medium und gewährt kaum Informationen über jene Aspekte einer Aufführung, die über die erzeugten Klänge hinausgehen. So fällt auch hier die durch die Wechselwirkung beider Komponisten gegebene "szenische" Komponente weg. Die Qualität des Konzert-Mitschnitts vermag dies jedoch durchaus zu kompensieren. Der Hörer kann die knisternde Spannung der Live-Situation (inklusive einzelner Reaktionen des Publikums) miterleben; dabei überzeugen vor allem die Klangqualität und die räumliche Tiefenwirkung der fixierten Musik. Dass die Aufnahme in das Programm der amerikanischen New World Records aufgenommen wurde, verdeutlicht ihren hohen Stellenwert (vertreibt dieses Label doch eine Anthologie amerikanischer Musik, deren eindrucksvoller Umfang das nationale Musikschaffen in allen seinen Facetten zeigen möchte). Der Mitschnitt dokumentiert zwei einzigartige Pioniere der experimentellen Musik auf der Höhe ihres Schaffens mit einer simultanen Aufführung zweier Kompositionen: Cages Vokalstück Mureau (1970) ist eine ausgearbeitete Textcollage, in der Passagen aus den Tagebüchern Henry David Thoreaus - insbesondere solche, die das Thema Musik berühren - verwendet werden. Darauf verweist auch der Titel der sich als Zusammenfügung aus "music" und "Thoreau" ergibt. Cage präsentiert die Komposition in einer quasi vierstimmigen Realisation, indem er seinen Live-Vortrag mit drei vorbereiteten Tonbandspuren kombiniert. Im Gegensatz hierzu basiert Tudors Rainforest II (1972) auf Klangereignissen, die während der Aufführung in Echtzeit verändert werden. Grundlage sind im vorliegenden Beispiel die Vokalklänge Cages, die mithilfe selbst gebauter elektronischer Apparaturen stark transformiert, gefiltert, verändert, verfremdet, verstärkt und schließlich durch verschiedene Lausprecher im Aufführungsraum abgestrahlt werden, woraus sich eine lebendige, skulpturhafte Klangumgebung aus faszinierenden Geräusch- und Klangnuancen ergibt. Die zeitgleich verlaufende Wiedergabe beider Stücke zeitigt ein Klangergebnis, dem der Zuhörer auf jeden Fall aufmerksam folgen sollte. Die feinen Verästelungen von Tudors geheimnisvoll zirpender Klangwelt und die melodiöse, durchaus an den Gesang buddhistischer Mönche erinnernde Rezitation, die Cage seinem Text angedeihen lässt, gehen hier eine packende Synthese ein, in der dennoch beide Elemente deutlich unterscheidbar nebeneinander existieren. David Tudor: Rainforest II, John Cage: Mureau. A Simultaneous Performance. David Tudor (Live-Elektronik), John Cage (Stimme und Tonband).- CD New World Records 80540-2
Links zum Thema:
|