Vergnügliches Hör- und Bilderbuch
Diese treffende Charakterisierung aus der Feder des Pianisten Johannes Cernota führt ins Zentrum einer Problematik, mit der die Aufführung von Werken Eric Saties grundsätzlich zu kämpfen hat: eine reine Präsentation der Notentexte - etwa im Rahmen von Klavierabenden - erscheint in vielen Fällen eher unzureichend, da sie der Multimedialität von Saties Schaffen nicht gerecht wird. Paradebeispiel hierfür ist der Zyklus Sports et Divertissement, eine Folge von Klavierstücken, die 1914 vom Pariser Verleger Lucien Vogel initiiert wurde und als musikalische Ergänzung zu 20 Zeichnungen des Illustratoren Charles Martin zum Thema "Sport und Unterhaltung" gedacht waren. Saties knappe Miniaturen spiegeln nicht nur auf einzigartige Weise inhaltliche oder formale Elemente von Martins Grafiken; er versah sie zusätzlich mit kurzen Prosagedichten, die sich wiederum auf ganz eigene Weise auf Bilder oder Musik beziehen, so dass hier zuletzt eine komplexe Verknüpfung der Kunstformen Zeichnung, Musik und Dichtung entstanden ist. Diese Vielschichtigkeit diente als Ausgangspunkt für die Entstehung eines "interdisziplinären Hör- und Bilderbuchs" aus dem Hause JARO, dessen üppig gestaltetes großformatiges Booklet die erwähnten Bilder samt Texten präsentiert und damit die visuelle Ergänzung zur CD von Johannes Cernota (Klavier) und Constanze Brüning (Sprache und Sopran) darstellt. Das frappierende Ergebnis dieser Konzeption verdankt sich vor allem den beiden Interpreten: ihr Vortrag macht die kleinen Stücke zu pointierten Melodramen, in denen Wort und Musik in unauflösliche Beziehung zueinander treten. Dass dabei die Texte zumeist das gesellschaftliche Verhalten und die oberflächliche Eitelkeit von Saties Zeitgenossen geschickt demaskieren, wird deutlich, wenn man zu den ironisch geschliffenen musikalischen Miniaturen die Abbildungen betrachtet. Der bissige Humor, der erst durch das Zusammenwirken all dieser Elemente entsteht, rechtfertigt die Herstellung dieses "Hör- und Bilderbuchs" vollkommen. Doch damit nicht genug: Johannes Cernota und Constanze Brüning entführen den Hörer auch jenseits von Sports et Divertissments in eine Welt, in der sich die romantisch verträumte oder gar melancholisch versunken wirkende Musik Saties schnell als Irreführung des Hörers erweist. Da ist etwa der Zkylus der 3 Poèmes d'amour (1914) dessen irritierende Ironie die poetischen Liebesschwüre des Dichters als sentimentales Gefasel entlarvt; und da sind - neben vielen anderen - die surrealistischen Texte der Avant dernières pensées (1914), die dem Musiker Assoziationen zur Interpretation liefern. Bedauern mag man allenfalls, dass nur drei der Stücke - nämlich die Chansons de Café concert aus den Jahren 1897, 1902 und 1904 - in französischer Sprache vorgetragen werden und zudem grundsätzlich auf eine Dokumentation der originalen Texte verzichtet wird. Doch das tut der Freude, die man an dieser Produktion hat, nur wenig Abbruch: die Einspielung von Saties musikalisch-ironischer Kleinkunst und Konzeption des Booklets verdienen höchste Bewunderung. Eric Satie: Sport & Vergnügen. Das Hör- und Bilderbuch: Sports et Divertissements (1914); Avant dernières pensées (1914); Trois Poèmes d'Amour (1914); Ludions (1920); Chansons de Café concert (1897, 1902, 1904); Trois Mélodies sans Paroles (1905) u.a. Johannes Cernota (Klavier), Constanze Brüning (Sprache und Gesang).- JARO 4239-2
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