Musik ohne virtuose Eitelkeiten
Da sind zunächst die beiden frühen Sonaten As-Dur op. 49 Nr. 1 und fis-moll op. 49 Nr. 2 aus dem Jahr 1902, die sich zwar durchaus vom berühmten Vorbild der Brahmsschen Klarinettensonaten angeregt zeigen, aber gleichzeitig mit ihrer passagenweise fast impressionistisch wirkenden Klanglichkeit mühelos zu einer unverkennbar eigenen Tonsprache finden. Ihnen steht die ausgedehntere, im Winter 1908/09 komponierte Sonate B-Dur op. 107 mit ihren vielen Stimmungsumschwüngen gegenüber. Und da sind schließlich die drei kurzen Genrestücke - das Albumblatt Es-Dur, die Romanze G-Dur und die Tarantella g-moll -, die 1902 als Notenbeilage zu der Zeitschrift "Musikwoche" veröffentlicht wurden. Die vom SWR produzierte Einspielung von Regers gesamtem Kammermusikschaffen für Klarinette und Klavier, bei hänssler CLASSIC in der Reihe "faszination musik" veröffentlicht und aufnahmetechnisch von bestechender Qualität, lässt schon bei den ersten Tönen aufhorchen: Hier wird sehr rasch deutlich, dass mit Hausmann und Tichman zwei Meister ihres Faches am Werk sind und ihr ganzes Können in den Dienst der adäquaten Realisierung dieser komplexen Musik stellen. Denn der Weg von Regers differenziert bezeichneten Notentexten bis zu deren klingender Umsetzung ist weit und erfordert gewaltige Erarbeitungsprozesse von den Interpreten. Das Ergebnis ist musikalisch überwältigend. Ib Hausmanns äußerst modulationsfähiger Klarinettenton elektrisiert und schmeichelt dem Hörer zugleich; sein Atem folgt den organisch sich verzweigenden Melodielinien der Musik ebenso wie ihren ins Nichts hinübergleitenden Schlussklängen. Nina Tichman steuert mit ihrem dynamisch äußerst differenzierten Spiel einen emotional bewegten, aber immer auch wundervoll transparenten Klavierpart bei, der mit dem schwärmerischen Klarinettenvortrag zu einer perfekten Ausdruckseinheit verschmilzt. Dabei gelingt den Duopartnern tatsächlich das Kunststück, selbst den ablehnenden Hörer für diese Musik und ihre quasi epischen Züge zu begeistern. Hier stimmt einfach jede noch so kleine Nuance: seien es die lyrisch-verträumt wirkenden Wendungen des Kopfsatzes aus der Sonate op. 107 mit ihren arabesken Wendungen oder die kontrastreichen dynamischen Wechsel ihres Scherzos, seien es die atemlosen Melodiebögen aus dem ersten Satz der Sonate op. 49 Nr. 1 oder die überbordende Vitalität im knappen Scherzo von op. 49 Nr. 2, sei es schließlich die auf den Punkt gebrachte Prägnanz der drei kurzen Charakterstücke. Den Interpreten ist eine ganz hervorragende, sehr empfehlenswerte Aufnahme gelungen, die in ihrer enormen musikalischen und klanglichen Differenziertheit neue Maßstäbe für die Interpretation von Regers Kammermusik setzen dürfte. Max Reger: Werke für Klarinette und Klavier: Sonate B-dur op. 107; Albumblatt Es-Dur; Sonate As-Dur op. 49 Nr. 1; Romanze G-Dur; Sonate fis-moll op. 49 Nr. 2; Tarantella g-moll. Ib Hausmann (Klarinette), Nina Tichman (Klavier).- hänssler CLASSIC CD 93.035 (Reihe "faszination musik")
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