Repertoirelücke ohne Höhepunkte

In letzter Zeit häufen sich CD-Einspielungen, die das Schaffen des böhmischen Klassikers Antonio Rosetti wieder zur Geltung bringen. Dies ist ein höchst erfreulicher Umstand - wird doch hier die Aufmerksamkeit auf einen bedeutenden Komponisten gelenkt, dessen Werke diskografisch bisher kaum erschlossen sind und dessen Musik mit ihrer oft kühnen Harmonik und Ausdruckskraft bereits auf die Zeit der Romantik vorausweist. Zwei Sinfonien und zwei Konzerte sind es, die auf einer neuen CD der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm mit den Hamburger Symphonikern unter Leitung von Johannes Moesus vereinigt wurden - eine im Grunde sehr schöne und lohnenswerte Werkzusammenstellung, die jedoch eine weit bessere Interpretation verdienen würde. Störend wirkt vor allem, dass das Orchester ohne großen Differenzierungsspielraum agiert, wofür insbesondere der manchmal recht grobe Vortrag der Streicher verantwortlich ist.

In den schnellen Sätzen der beiden D-Dur-Sinfonien kommt die Musik viel zu wuchtig daher und lässt jene Feinfühligkeit vermissen, die den außergewöhnlichen Elementen von Rosettis Komponieren eher Rechung tragen würde. So hält es Moesus offenbar kaum für nötig, die häufigen Tonrepetitionen zu differenzieren. Durch dieses Versäumnis, mittels Artikulation und Schwerpunktgestaltung die Musik lebendiger zu gestalten, wirken die meisten Sinfoniesätze eher schwerfällig und behäbig; zudem werden die zahlreichen Überraschungsmomente der Kompositionen auf diese Weise meist überspielt und dem Hörer als nebensächliche Selbstverständlichkeiten präsentiert.

Besonders auffällig sind die Defizite jedoch im Konzert für Oboe und Orchester G-Dur und in der Sinfonia concertante für zwei Violinen und Orchester D-Dur: So werden etwa im Oboenkonzert die Tutti-Passagen vom Orchesters meist laut, einfallslos und unter weitgehendem Verzicht auf musikalischen Spannungsaufbau musiziert. Auch der Solist Christian Specht weiß nicht recht zu überzeugen. Zwar gestaltet er den lyrischen Andante-Satz sehr gesanglich; doch könnten die harmonischen Raffinessen durchaus vielfältigere Klangfärbungen vertragen. Zudem spielt der Solist im Kopfsatz permanent leicht zu hoch, was die Freude an den verspielten Wendungen der Musik erheblich mindert. Intonationsprobleme haben auch Stefan Czermak und Akiko Tanaka, die ihre Solistenparts in der Sinfonia concertante zwar in äußerst virtuoser Manier, aber ohne großes Stilempfinden vortragen.

Einige gelungene Momente der Produktion - zu ihnen gehören etwa der elegante Variationssatz der einleitenden D-Dur-Sinfonie mit seinen wunderschön realisierten Bläserpassagen - können nicht darüber hinweg täuschen, dass hier musikalisch wie interpretatorisch einges im Argen ist. So füllt die CD zwar eine Repertoirelücke, bietet aber in vielfacher Hinsicht nur unbefriedigendes Mittelmaß, das dem Komponisten Rosetti kaum gerecht wird.

Antonio Rosetti: Orchesterwerke: Sinfonie D-Dur (Murray A21/Kaul I:20); Konzert für Oboe und Orchester G-Dur (Murray C36/Kaul III:30); Sinfonia concertante für 2 Violinen und Orchester D-Dur (Murray C14/Kaul I:36); Sinfonie D-Dur (Murray A14/Kaul I:29). Christian Specht (Oboe), Stefan Czermak und Akiko Tanaka (Violine). Hamburger Symphoniker. Leitung: Johannes Moesus.- CD MDG 329 1036-2

 

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© 2001 by Stefan Drees