Spiel, Ernst, Ordnung und Zufall

Der Titel weckt Interesse: Game and Earnest, Konzert für Schachspieler, computergesteuerte Sampler & Synthesizer, Konzertflügel, akustische & elektrische Gitarre, Plattenspieler, Tapes & Rückkopplung, Alt- & Baritonsaxofon und Klangregisseur. Hinter dieser langen Aufzählung steht eine in Gemeinschaftsarbeit mehrerer Komponisten entstandene experimenteller Musik, die in gleichem Maße durch ihre originelle Konzeption wie durch ihre plastische Wirkung überzeugt. Der erste Höreindruck mutet zuweilen recht chaotisch an und lässt teils Improvisiertes und teils Komponiertes vermuten, das sich verschiedenster stilistischer Elemente bedient und von einem Zustand anfänglicher Dichte nach und nach zur Auflösung tendiert. Diese scheinbar planlose musikalische Gestalt ist jedoch das Resultat ausgeklügelter Überlegungen, in denen Ordnung und Zufall miteinander wechselwirken.

Grundlage dieser Erscheinungsform ist das Schachspiel, dessen wenige und rasch erlernbare Regeln zwar das Musterbeispiel für ein geordnetes System darstellen, selbst aber wiederum Ausgangspunkt für eine solch große Menge möglicher Zug-Kombinationen sind, dass sich der Spielverlauf kaum vorher sagen lässt - eine strenge Ordnung also, der eine nahezu offene Zukunft gegenüber steht. Musikalisch umgesetzt wird sie mittels eines präparierten Schachbretts, an dem zwei Kontrahenten eine Partie des königlichen Spiels austragen. Dabei wirkt jedes der 64 Felder wie eine Steuertaste, d.h. wird eine Schachfigur auf ein bestimmtes Feld gesetzt, gibt die Elektronik ein eigens hierfür komponiertes Musikstück - ein sogenanntes Modul - wieder; bei jedem neuen Zug der Spieler können außerdem die Klangfarben des gewählten Moduls durch das vorhergehende beeinflusst werden. Die den einzelnen Spielfeldern zugewiesenen, stilistisch sehr unterschiedlichen Musikstücke stammen von den Komponisten Dietrich Eichmann, Christoph Grund, Uwe Kremp und Wolfgang von Stürmer.

Da der Verlauf eines Schachspiels zunächst recht schnell voran geht, mit zunehmendem Fortschreiten jedoch auf Grund längerer Denkpausen zwischen den Zügen immer weiter gedehnt wird, entsteht zu Beginn eine rasch wechselnde Abfolge musikalischer Aktionen, bei der die jeweiligen Module immer wieder vorzeitig abgebrochen werden. Erst allmählich können auch vollständige Module erklingen oder gar Pausen zwischen den elektronischen Einspielungen entstehen. Zu dieser dem Spielverlauf unterworfenen Musik treten als zweite Schicht vier Live-Musiker - Dietrich Eichmann (Klavier), Uwe Kremp (Gitarre), Wolfgang von Stürmer (Plattenspieler) und Reimar Volker (Saxofon) - die nach jeweils individuellen Konzepten improvisieren. Während diese Ebene relativer Unbestimmtheit zu Beginn der Aufführung noch weitgehend im Hintergrund bleibt, tritt sie bei zunehmender Länge der Spielzüge immer weiter in den Vordergrund und beginnt die Pausen zwischen dem Erklingen der Module auszufüllen.

Auf diese Weise erwächst aus der Konzeption von Game and Earnest ein klanglicher Organismus, der zwar bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist, sich aber dennoch nach vielen Richtungen hin unvorhersehbar entwickeln kann. Als Folge des pluralistischen technischen Aufbaus fasst er verschiedenste Kompositionsmethoden und Musiker-Individuen zu einer vielschichtigen, manchmal auch äußerst humoristischen Struktur zusammen und vereinigt dabei häufig scheinbar Konträres. Nicht zuletzt wird hier veranschaulicht, wie der Zufall in ein geordnetes System einbricht und mit diesem in eine ständige Wechselbeziehung tritt. Mithin handelt es sich also auch um eine intelligente künstlerische Auseinandersetzung, die sich lustvoll der grundlegenden Frage nach Freiheit, Ordnung und Zufall widmet, wie sie in der zeitgenössischen Musik seit etwa 1955 immer wieder diskutiert wird. Game and Earnest kombiniert durch seine brillant umgesetzte Idee diese Elemente miteinander und wird so zum klingenden Diskurs über eine wahrhaft philosophische Problematik.

Das Konzept von Game and Earnest stammt vom Duo FIQ (= Fraktion Illegaler Quomponisten: Dietrich Eichmann und Wolfgang von Stürmer), wude 1987 entwickelt und 1989 erweitert. Die vorliegende CD dokumentiert einen vollständigen Live-Mitschnitt des Stückes anlässlich eines Konzertes im Sendesaal des damaligen SDR-Studios in Karlsruhe, die am 11. Dezember 1989 stattfand. Mit ansprechender Aufmachung und einem informativen Booklet versehen ist sie im Programm des neu gegründeten Berliner Labels oaksmus. erschienen, das mit dieser und anderen Veröffentlichungen einen vielversprechenden Start hinlegt. Die Website des Labels informiert ausführlich über weitere Produktionen und bietet zudem die Möglichkeit zur Bestellung der veröffentlichten Tonträger.

Game and Earnest, Konzert für Schachspieler, computergesteuerte Sampler & Synthesizer, Konzertflügel, akustische & elektrische Gitarre, Plattenspieler, Tapes & Rückkoplung, Alt- & Baritonsaxofon und Klangregisseur. Mit Dietrich Eichmann, Christoph Grund, Uwe Kremp, Wolfgang von Stürmer und Reimar Volker.- oaksmus. CD omH02

 

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© 2001 by Stefan Drees