In meditativer Grundhaltung

Am Anfang stand die Idee einer vergegenwärtigenden Darstellung der sieben letzten Worte Christi am Kreuz, die als Begleitung des Karfreitags-Rituals dienen sollte. "Die Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leichtesten." So Joseph Haydns eigene Worte zu dem ehrgeizigen Plan. Als musikalische Realisierung dieses Einfalls entstand wahrscheinlich im Winter 1786/87 eines von Haydns populärsten Orchesterwerken, Die sieben Worte des Erlösers am Kreuze, die er bereits kurze Zeit später für Streichquartett bearbeitete (Hob. III:50-56).

Mit seiner Konzentration auf die Intimität des vierstimmigen Streichersatzes gehört dieser Quartettzyklus aus sieben langsamen Sätzen, umrahmt von einer Einleitung und dem dramatischen Schlusssatz des "Erdbebens", zu den Meilensteinen der Streichquartett-Literatur. Zwischen barocken rhetorischen Traditionen - hörbar vor allem im sprachähnlichen Duktus der einzelnen Themen, der den jeweiligen Jesusworten abgelauscht ist - und einer neuen persönlich-subjektiven Reflexion des christlichen Leidensgeschehens angesiedelt, stellen die einzelnen Sätze sensible Klangbilder dar, in denen musikalische Textdeutung und freie Stimmungsformung miteinander vermittelt sind.

Aus diesen Gründen ist eine Realisierung aber auch immer schwierig: die Abfolge ungewöhnlicher und heikler Tonarten, aber auch der reflexive Gehalt der Komposition sowie das Fehlen einer äußeren Dramatik erfordern von den Interpreten ein hohes Maß an Feingefühl - Ansprüche, die eine neue Einspielung der "Sieben Worte" durch das Rosamunde Quartett beim Münchener Label ECM voll erfüllt.

Nicht nur, dass sich die Musiker dem Gehalt der Stücke gemäß eine schlichte, meditative Grundhaltung mit nach innen gekehrtem Ausdruck zu eigen gemacht haben; die Interpretation vermeidet erfreulicher Weise auch jegliche vordergründige Zurschaustellung von Wohlklängen und falschem Pathos: der Quartettklang ist durchweg schlank und zeichnet sich durch sparsam eingesetztes Vibrato aus. Das vorbildliche Zusammenspiel, in dem die interne Zwiesprache der Instrumentalisten umgesetzt ist, nimmt durch eine zumeist lupenreine Intonation für sich ein.

Die emotionalen Qualitäten von Haydns Komposition finden sich in den feinen Stimmungsumschwüngen wieder, mit denen das Rosamunde Quartett so eindrucksvoll zu hantieren weiß. Änderungen des Farbwerts, das unauffällige Hervortreten von Nebenstimmen, aber auch das Wissen der Interpreten um die Kraft spannungsvoll eingesetzter Pausen und Zäsuren verbinden die äußerst zurückhaltende Realisierung mit einem Maximum an Ausdruckskraft - wobei die Personen der vier Musiker fast ganz hinter den Inhalt der Musik zurück zu treten scheinen.

Joseph Haydn: Die sieben Worte des Erlösers am Kreuze Hob. III:50-56. Rosamunde Quartett.- CD ECM New Series 1756 461 780-2

 

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© 2001 by Stefan Drees