Klangstudien mit Verwerfungen
Stäbler macht es seinen Hörern allerdings keineswegs leicht: seine Kassandra-Studien sind zeitlich gedehnte Untersuchungen musikalischer und klangfarblicher Strukturen, die auf Grund ihrer vielfachen Brechungen und Fragmentarisierungen beim ersten Anhören sperrig wirken und dem Hörer einen unmittelbaren Zugang regelrecht verweigern. Um diesem durchaus gewollten Effekt entgegenzuwirken, ist Geduld erforderlich; bringt man sie mit, offenbart sich unter der abweisenden Seite der Musik meist eine enorme und eindrucksvolle klangliche Vielfalt. Am unmittelbarsten wirkt noch die dreiteilige Ensemble-Studie kopflos (1993), interpretiert vom Ensemble Köln unter Leitung von Robert HP Platz, deren packende Momente den Zuhörer nicht kalt lassen: Nicht nur das irreguläre Zerreißen der zarten Klangkontinua von Streichern und Bläser durch die gewaltsamen Einwürfe des Klaviers, auch die in ihrer Regularität rituell anmutenden, unnachgiebig akzentuierten Paukenschläge im Mittelteil der Komposition haben eine frappierende und mitunter beklemmende Wirkung. Anders die ausgedehnte und in einigen Aspekten ein wenig zu lang geratene Kassandra-Studie mit dem Titel Palast des Schweigens (1992/93), die Stäbler für die japanische Mundorgel Sho komponierte. Die Widmungsträgerin Miyumi Miyata zaubert hier über die Dauer von fast 32 Minuten hinweg eine Reihe von Klangporträts, die dem Gestus der menschlichen Rede folgen. Die Betitelung der insgesamt sieben Einzelsätze durch die Bezeichnungen "Redselig", "Befehlend", "Beschwichtigend", "Einschmeichelnd", "Bedrängend", "Ablenkend" und "Zerstörend" lässt eine Orientierung an der menschlichen Sprache erkennen, die weniger von deren rhetorischer Struktur denn ihrer zielgerichteten gefühlsmäßigen Wirkung interessiert ist. Eine quasi abstrahierte Abbildung von Gefühlszuständen, die durch die differenzierten Titelgebungen mit all ihren stockenden und überschwänglichen Momenten eine Dramaturgie andeutet, führt am Ende in den Zusammenbruch verzweifelten Schweigens. Am aufregendsten empfinde ich allerdings die Studie Abschiede für Violine, Viola und Violoncello (1992/93): Stäbler setzt hier einen musikalischen Zersetzungsprozess in Gang, der in Form einer flexible Montage dreier Streicherstimmen organisiert ist. Die Musik, die aus dem divergierenden Zueinander der Instrumentalstimmen heraus unterschiedlichste Klangformen miteinander konfrontiert, erfährt durch das trio recherche mit Melise Mellinger (Violine), Barbara Maurer (Viola) und Lucas Fels (Violoncello) eine äußerst packende Umsetzung. Das Spektrum zwischen eng gepressten Klängen, weit ausschwingen Zupflauten und sphärischen Flageoletts wird in dieser Aufnahme zu einer spannenden Abbildung verschiedener Klangformen und deren gegenseitiger Verwerfungen, die jedoch nicht miteinander vermittelt werden wollen. Gerhard Stäbler: Palast des Schweigens. Kassandra-Studien: Abschiede (1992/93) für Violine, Viola und Violoncello; Palast des Schweigens (1992/93) für Sho; kopflos (1993) für Ensemble. Melise Mellinger (Violine), Barbara Maurer (Viola), Lucas Fels (Violoncello); Miyumi Miyata (Sho); Ensemble Köln, Leitung: Robert HP Platz.- Koch-Schwann CD 3-6760-2
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