Frank Zappa goes Baroque
Hier wird Musik des 20. Jahrhunderts auf alten Instrumenten gemacht - allerdings nicht im Stil jener unsäglichen Klassik-Rock-CDs, die in regelmäßigen Abständen die Gunst des Publikums erobern und die Originale lediglich in ein "klassisches" Gewand kleiden. Die Musiker gehen einen anderen Weg und versuchen, mit den Möglichkeiten ihrer Instrumente die Musik neu zu lesen - was teils zu wirklich verblüffenden Ergebnissen führt. Die hierzu notwendigen Übertragung der insgesamt 15 Originaltitel auf das barocken Instrumentarium ist keineswegs einfach, ergibt sich doch das Problem, elektronische Klänge und andere Elemente der Rockmusik zu adaptieren, wobei (folgt man den Aussagen des Cellisten und Arrangeurs Olli Virtaperko in der schmalen CD-Beilage) die Erhaltung des rhythmischen und metrischen Pulses die schwierigste Aufgabe ist. Wer Zappas Musik kennt, weiß, was damit gemeint ist: Das Wechselspiel aus swingenden Synkopen, vertrackten und irregulären rhythmischen Abläufen und scheinbar einfach strukturierten Passagen - was meist durch das verschränkte Miteinander von Schlagzeug und Bass geregelt wird - lässt sich nicht leicht mit einem Instrumentarium realisieren, das keine Perkussionsinstrumente kennt. Es erfordert also einen Kunstgriff, mit dem sich ein solcher Effekt relativ problemlos simulieren lässt. Die Lösung ist so einfach wie überzeugend: Wurde in der Barockmusik die Melodie von der sogenannten Continuo-Gruppe (bestehend aus der Bassstimme und den harmonietragenden Instrumenten wie Cembalo, Orgel oder Laute) begleitet, wird in den Bearbeitungen diese an den Bass gebundene Instrumentenkombination als Motor für die rhythmischen Impulse von Zappas Stücken benutzt. Hierbei verfolgten die Arrangeure durchaus unterschiedliche Strategien: Während der Cembalist Ere Lievonen die Originale detailliert und notengetreu in die Bedingungen des Barock-Ensembles übersetzte, ließ Olli Virtaperko der Continuo-Gruppe improvisatorische Freiräume, die sich ebenfalls an ihrer Funktion in der Barockzeit orientieren. Ganz zu Recht wird man an dieser Stelle eher skeptisch: Kann das funktionieren? Umso erstaunlicher ist aber das klingende Ergebnis: Die Stücke überleben nicht nur den radikalen Wechsel der Klangsprache, sondern behalten - Dank der wirklich exzellenten Musiker mit ihrem perfekten Zusammenspiel - auch ihre Lebendigkeit und ihren rhyhtmischen Drive. Dabei überzeugen die Arrangements zum einen durch hervorragende Ideen bei der Umsetzung der Musik, zum anderen durch ungewöhnliche Klangfarbenkontraste und einen teils unkonventionellen Einsatz der Instrumente. Nicht ganz unbeteiligt an diesem Ergebnis ist auch die Tontechnik, die den Musikstücken zu einer enormen Tiefenstrukturierung verhilft, so dass der Tonsatz niemals kompakt, sondern immer klar und durchsichtig wirkt. Allerdings verlieren instrumentale Effekte wie schmierende Glissandi, dissonierende Tonzusammenballungen oder frech den Zusammenhang unterbrechende Einwürfe, die Frank Zappa gekonnt als Mittel der ironischen Brechung einsetzt, in der Übertragung stellenweise ihren Biss. Hier scheint mir das Konzept nicht völlig aufzugehen, da Zappas bewusst floskelhafte Gesten durch die Arrangements an Prägnanz verlieren und daher manchmal fehl am Platz wirken - am auffälligsten etwa im Verlauf des ausgedehnten Titels Inca Roads. Von diesen wenigen unglücklichen Momenten abgesehen gibt es eine Fülle gelungener Passagen. Für mich stehen die Höhepunkte dieser Einspielung fest: Da sind etwa die ironische Walzerseligkeit von Sofa, die in berückend wohlige Klänge gehüllt wird, sowie die prägnant-vertrackte Basslinie in G-Spot Tornado, die von Cello und Fagott virtuos vorgetragen wird. Da gibt es ferner die in Folkklänge eingefärbte Interpretation von The Idiot Bastard Son, zu der Topi Lehtipuu einen wundervollen Gesang beisteuert, dessen lyrische Schlichtheit in krassem Gegensatz zum hinterhältigen Text steht. Dann entstehen in RDNZL aus dem Zusammenspiel von Dulzimer, Mandoline und Glockenspiel über den sanften Orgelakkorden und der gezupften Cellostimme eigenartig schwebende Klangmomente, während auf durchaus ähnliche Weise zu Beginn von Inca Roads eine entrückte, an indische Ragas erinnernde Atmosphäre geschaffen wird. Mein besonderer Favorit ist jedoch der Titel Zoot Alures, dessen bluesgetränkte Stimmung durch das Zusammenwirken von gezupfter Basslinie im Cello mit der volltönenden Erzlaute entsteht und ein Fundament liefert, über dem sich ein Klangteppich von Melodika und Oboe d'amore entfaltet. Lange Rede, kurzer Sinn: das Experiment des Ensemble Ambrosius muss man unbedingt als gelungen bezeichnen. Nicht nur, dass die CD den Kenner von Zappas Musik mit neuen und überraschenden Aspekten konfrontiert; darüber hinaus könnte die Produktion auch durchaus jene Hörer ansprechen, die sich dem Schaffen des exzentrischen Amerikaners bisher verschlossen haben. The Zappa Album: Night School, Sofa, Black Page #2, Uncle Meat, Igor's Boogie, Zoot Allures, Big Swifty, T'Mershi Duween, Alien Orifice, The Idiot Bastard Son, RDNZL, The Orange County Lumber Truck, Echidna's Arf (of You), Inca Roads, G-Spot Tornado. Ensemble Ambrosius.- BIS-NL-CD-5013
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