Knisternde Variationen nach Bach

Das aufwändige Äußere der CD macht neugierig: Die Verpackung ist aus fester, geriffelter Pappe hergestellt und präsentiert sich in auffälligem Blau mit rotem, gelbgerandetem Etikett. Klappt man diese Hülle wie ein Buch auf, gelangt man zu einem ebenso originellen Booklet, das sich als typografisch äußerst komplexes Bilderbuch entpuppt. Die Strategie des Labels Winter & Winter will ganz offensichtlich Neugierde erzeugen und doch möglichst wenig vom eigentlichen Inhalt der beiden CDs preisgeben, die da auf er linken Seite in die Papphülle eingesteckt sind.

Was sagt uns die Aufschrift? Das Etikett auf der Vorderseite nennt das Uri Caine Ensemble und die Goldberg-Variationen, allerdings ohne deren Komponisten Johann Sebastian Bach. Schaut man allerdings auf der Rückseite nach, erfährt man Genaueres, denn da steht ganz deutlich Aria and 70 Variations for Various Ensembles Adapted, Arranged and Composed by Uri Caine after Johann Sebastian Bach. Was hier zu hören ist, sind also keinesfalls Bachs Goldberg-Variationen, sondern es sind Variationen jener Variationen, die sich zu insgesamt 72 Einzelstücken von unterschiedlicher Ausdehnung summieren. All dies beginnt ganz harmlos mit Bachs Aria - von Uri Caine authentisch auf einem Hammerklavier vorgetragen -, wächst sich dann aber zu unerwarteten und überraschenden Momenten aus.

Uri Caine, Jazz-Pianist mit umfassender klassischer Ausbildung, hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder auf sehr intelligente Weise mit Werken der abendländischen Musiktradition, so mit Gustav Mahlers Kindertotenlieder und Robert Schumanns Dicherliebe, auseinandergesetzt. Auch hier tut er nichts anderes: Er blickt gewissermaßen als musizierendes Individuum auf den Barockkomponisten und betrachtet ihn aus dem Blickwinkel zeitgenössischer Kultur. Dabei entsteht nicht etwa ein verjazzter Bach, wie man ihn etwa von Jacques Loussier kennt; nein - hier hört man eine kompositorische Auseinandersetzung, die alle Aspekte des heutigen Kulturlebens ins Spiel bringt. Denn so wie sich Bach zu seiner Zeit der unterschiedlichsten musikalischen Stile bediente, bringt Caine nun Elemente wie Tango, Mambo, Gospel, Jazz und Techno ins Spiel, um den Variationszyklus aus der heutigen Perspektive heraus weiterzuspinnen.

So seltsam diese Beschreibung zunächst auch klingen mag, macht dies musikalisch doch Sinn, denn der Zusammenhang mit Bachs Thema ist immer irgendwie im Hintergrund von Caines Variationen präsent und kann vom aufmerksamen Hörer durchaus hergestellt werden. Selbst dann, wenn sich einige Titel sehr weit von Bachs Aria wegbewegen, lässt sich durchaus eine assoziative Verbindung durch bestimmte Tonkombination oder Rhythmen erkennen. Dass dies immer funktioniert, liegt unter anderem an der Leistung des riesigen Ensembles, dessen Mitglieder aus den unterschiedlichsten Bereichen der Musikausübung rekrutiert wurden und hier in den verschiedensten Kombinationen zusammen auftreten:

Da spielt etwa die Blockflötistin Cordula Breuer neben dem Jazz-Klarinettisten Don Byron und dem Vokalartisten David Moss (The Minimal Variation), da liefert die Gospelsängerin Barbara Walker eine Nobody Knows Variation, die unter die Haut geht, da spielen Ralph Alessi (Trompete), Uri Caine (Klavier), James Genus (Bass), Greg Osby (Alt Saxophon) und Ralph Peterson (Schlagzeug) eine mitreißende Jaybird Lounge Variation, DJ Logic mischt in Logic's Invention und Logic's Organ Prelude eindringliche Klanggemälde zusammen. Oder der Klang einer Zigeunerkapelle aus Ralph Alessi (Trompete), Reid Anderson (Bass), Don Byron (Klarinette), Uri Caine (Klavier), Ralph Peterson (Schlagzeug), Josh Roseman (Posaune) und Annegret Siedel (Violine) prescht mit skurilen Einfällen aus Luther's Nightmare Variation hervor.

Trotz ihrer häufig überraschenden und manchmal auch unbequemen Einfälle gerät diese unkonventionelle Hommage an Bach niemals zum Schockeffekt, sondern wird zum Ausgangspunkt einer musikalischen Reise durch die unterschiedlichsten Stile. Dies hängt mit dem Ernst zusammen, den Uri Caine bei der Auseinandersetzung mit Bachs musikalischer Substanz durchweg walten lässt. Auf diese Weise ist ein hochmotiviertes, von knisternder Spannung erfülltes Stück Musik von zweieinhalb Stunden Dauer entstanden; darüber hinaus hat Caine es auch geschafft, dass wir den "richtigen" Bach beim nächsten Mal mit anderen Ohren hören...

Uri Caine Ensemble: Aria and 70 Variations for Various Ensembles Adapted, Arranged and Composed by Uri Caine after Johann Sebastian Bach. New Edition Winter & Winter CD 910 054-2

 

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