Atemberaubende Schroffheit

"Es ist mir lange kein neueres Streichquartett begegnet, das mich so sehr interessiert hätte wie dieses."

Dieses Lob stammt von keinem Geringeren als Franz Liszt und bezieht sich auf das Streichquartett g-moll op. 27, das Edvard Grieg 1878 in der ländlichen Einsamkeit Norwegens komponierte. Liszts enthusiastische Worte können allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass sich Grieg mit den großen traditionellen Formen - etwa der Sonate und Sinfonie - Zeit seines Lebens immer recht schwer tat. Der Selbstzweifel, den Ansprüchen der Gattung Streichquartett nicht genügt zu haben, ließ ihn auch nach der Fertigstellung seines Quartetts nicht los; denn so richtig zufrieden war er mit dem Ergebnis nicht - was einige Zeitgenossen mit dem Schlagwort vom "Unquartettmäßigen" des Stücks zu bestätigen schienen.

Urteile solcher Art verstellen häufig den Blick auf das Wesentliche einer Komposition. Und in der Tat: jenes "Unquartettmäßige", das sich in den Schroffheiten der Musik, in ihrem Schwanken zwischen eruptiver Gestik und melancholischer Introvertiertheit äußert, waren zwar von dem traditionellen Streichquartett mitteleuropäischer Prägung weit entfernt; doch gerade solche Kennzeichen jenseits akademischer Bahnen machen das Werk zu einer unverstellten, höchst individuellen Schöpfung aus Griegs Feder.

Eine Neuaufnahme des Auryn Quartetts bei der classic produktion osnabrück macht diese Umstände mit all ihren Konsequenzen deutlich - und rückt zugleich auch das Kammermusikschaffen des Norwegers ins rechte Licht: Die vier Musiker setzen die nahezu orchestrale Faktur der Komposition mit atemberaubender Stringenz um. Der die Zeitgenossen irritierende, aber in seiner klanglichen Konsequenz beeindruckende Gebrauch von Stimmkoppelungen und kräftigen Unisono-Passagen - etwa gleich zu Beginn des Kopfsatzes - sowie die ausgiebige Verwendung von Doppelgriffen, die den Satz häufig zur Achtstimmigkeit erweitert, tragen zu radikalen Klanglichkeit dieses außergewöhnlichen Werkes bei.

Grandios ist der Zugriff des Ensembles allemal, das sich mit wuchtiger Artikulierung den beinahe anarchischen Schroffheiten des Kopfsatzes stellt; ebenso beeindruckt aber auch der Umgang mit den leisen Schattierungen, etwa die feine Gestaltung des flirrenden Hintergrunds zur Kantilene des Violoncello kurz vor Schluss des "Allegro molto ed agitato". Auch die "Romanze" tritt mit überraschend scharfen Kontrasten hervor: scherzohafte Akzentuierungen und Passagen im Charakter norwegischer Volksweisen wechseln hier einander ab, was von den Quartettspielern in förmlich knisternder Spannung umgesetzt wird. Ebenso raffiniert ist die Gestaltung schließlich in den spannungsgeladenen rhythmischen Querständen des kantigen "Intermezzo" sowie im hymnisch anmutenden Schluss des Finalsatzes.

Ganz anders als dieses erste Quartett wirkt das Fragment des Streichquarttets F-Dur, das - begonnen im Jahr 1891 - niemals zu Ende komponiert wurde. Es zeugt von Griegs Bemühungen, einen eher akademischen Tonfall anzuschlagen, was passagenweise dazu führt, dass der Komponist sein eigenes Idiom verleugnet. Mit der Präsentation beider Stücke hat das Auryn Quartett Beträchtliches geleistet: die Feinheiten der Quartette, ihre unterschiedlichen Stimmungen und kontrastreichen Abläufe sind, bei Wahrung einer klanglichen Brillanz bei hervorragend klarer Aufnahmetechnik, aufs Beste herausgearbeitet. In exzellenter Intonation werden hier selbst die schwierigsten Passagen gemeistert. Ein packenderes, spieltechnisch wie interpretatorisch beeindruckenderes Plädoyer für den Kammermusik-Komponisten Grieg kann man sich kaum vorstellen.

Edvard Grieg: Streichquartette. Streichquartett g-moll op. 27 (1878); Streichquartett F-Dur (1891). Auryn Quartett.- CD cpo 999 729-2

 

Links zum Thema:

Zurück zum Index

© 2001 by Stefan Drees