Musik erleben ohne Erinnerung

"Alles ist noch immer wie es war -
doch es ist anders."

Mit dieser scheinbar paradoxen Aussage könnte man ein wesentliches Merkmal der Musik benennen, das der Komponist Hans Otte in seinem Werk Stundenbuch. 48 Stücke für Klavier solo (1991-98) vor dem Hörer ausbreitet: hat sie erst einmal begonnen, wirkt sie im Fortschreiten bekannt; doch trotz dieser Vertrautheit ist sie auch immer wieder anders. Mit dem Prinzip des Erlebens von Musik ohne Erinnerung an schon Gehörtes und ohne Erahnen von kommenden Klängen steht hier vor allem die Intensität des musikalischen Augenblicks im Mittelpunkt.

Ottes zyklisches Klavierwerk, aus 48 rund einminütigen Miniaturen aufgebaut, ist vor allem Eines: in der Zeit entfalteter Klang. Meist sind es zwei einander entgegengesetzte melodische Linien oder Ketten von Akkorden, aus denen bei niedergedrücktem Tonhaltepedal allmählich ein labyrinthischer Klangraum erwächst: Zwischen eng benachbarten, auseinanderstrebenden oder stark kontrastierenden Klangereignissen öffnen sich entsprechend enge oder weite Resonanzräume, in denen die gespielten Linien, Punkte oder Flächen miteinander interagieren. Die zunächst wahrgenommene Einfachheit wird so rasch zu einem komplexen Klanggeschehen, das sich - bei aller scheinbaren Ähnlichkeit einzelner Miniaturen - niemals wiederholt.

Der Zyklus beeindruckt vor allem durch die relative Schlichtheit seiner Mittel, die hier zu maximalen Wirkungen führen. Dies verdankt sich nicht nur Ottes Auseinandersetzung mit der Philosophie des Zen, die sich besonders in der Zentrierung des Stundenbuchs auf den Aspekt der Wahrnehmung niederschlägt, sondern auch seiner sensiblen pianistischen Interpretation, die den Stücken ihren jeweils eigenen Charakter gibt. Resultat ist "eine Balance zwischen der Form des Ganzen, der Gestalt und den einzelnen Klängen, die sowohl Klänge des Augenblicks sind, die aber auch aufgehoben sind in einem Environment, in einer musikalischen Situation" (Hans Otte).

Ein großes Lob gilt auch der überzeugenden Aufmachung dieser Produktion von Radio Bremen, die bei d'c records erschienen ist: In eine einfach gestaltete Kartonhülle ist neben der CD ein Booklet eingelegt, das statt eines erläuternden Textes zur Komposition eine Reihe von Aphorismen enthält - darunter auch der eingangs zitierte Satz -, die auf ihre Weise etwas vom Denken des Zen reflektieren und eine sehr schöne, poetische Ergänzung zur Musik darstellen.

hans otte plays hans otte: stundenbuch (1991-98). 48 stücke für klavier solo. Hans Otte, Klavier.- CD c'd records d'c8

 

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© 2001 by Stefan Drees