Vom pompösen Gewand befreit
Eine Neuaufnahme der Missa solemnis unter Leitung von Roger Norrington liegt nun in der Reihe "faszination musik" bei hänssler CLASSIC vor. Norrington macht seinem Ruf als Experte für die historisch-orientierte Aufführungspraxis der Klassik alle Ehre, entkleidet er doch zunächst einmal den Klang des Chores - zusammengesetzt aus dem NDR-Chor und dem SWR Vokalensemble - und des SWR Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart jeglicher pompöser Vortragsweisen und macht damit Beethovens Orchestersatz transparent für die kleinen und faszinierenden Details der Partitur. Auf diese Weise schafft Norrington eine Fülle unvergleichlicher, spannungsgeladener Augenblicke: So gestaltet er etwa die Passage "Qui sedes ad dexteram Patris, miserere nobis" im Gloria besonders eindringlich, indem er sie die Lautstärke dort völlig zurücknimmt; die abschließende Fuge auf den Text "Cum Sancto Spiritu in gloria Dei Patris. Amen" zeichnet sich durch ihre Durchhörbarkeit aus, was Norrington durch Anwendung eines überzeugend artikulierten Vortrages bei Musikern und Sängern erreicht. Einen der ergreifendsten Momente kann der Hörer in jenem geheimnisvollen Augenblick erleben, in dem die tiefen Chorstimmen im Credo das "Et incarnatus est" anstimmen, bevor das Quartett der vier Vokalsolisten von den Figurationen der Flöte durchwoben aus diesem Untergrund emporzuschweben scheint. Eindrücklich wirken schließlich auch die beklemmend fahlen Klangfarben des Orchesters am Ende des "Osanna in excelsis" im Sanctus, aus denen wie eine Erlösung das sanfte Violinsolo des beginnenden Benedictus hervortritt. So großartig der Gesamteindruck des Orchesters in dieser Aufnahme ist, so sehr lassen die Leistungen des Chores doch einige Wünsche offen: Während die leisen Stellen der Partitur meist in einem äußerst klangvollen, spannungsreichen Piano vorgetragen werden, offenbaren die schwierigeren Passagen von Credo und Sanctus insbesondere in den hohen Frauenstimmen einige gravierende Schwächen in der Intonation. Auch die Besetzung des Solistenquartetts kann nicht als geglückt gelten: Während Amanda Halgrimson (Sopran), John Aler (Tenor) und Alastair Miles (Bass) sich stimmlich recht gut aufeinander einstellen, setzt sich Cornelia Kallisch (Alt) auf Grund ihrer forcierten, stellenweise sehr aufdringlichen und affektierten Singweise allzu sehr in den Vordergrund, was auf den Quartettklang mitunter sehr störend wirkt. Trotz dieser ärgerlichen vokalen Schwächen überzeugt die Aufnahme aber durch ihre vielen starken Momente. Hier ist mit Sicherheit eine sehr hörenswerte Annäherung an eines der weniger zugänglichen Werke aus Beethovens letzter Schaffensphase entstanden. Ludwig van Beethoven: Missa solemnis für vier Solostimmen, Chor und Orchester D-Dur op. 123. Amanda Halgrimson (Sopran), Cornelia Kallisch (Alt), John Aler (Tenor), Alastair Miles (Bass). NDR-Chor. SWR Vokalensemble. SWR Radio-Sinfonieorchester. Leitung: Roger Norrington. hänssler CLASSIC CD 93.010 (Reihe "faszination musik").
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