Auf den Spuren russisch-jüdischer Komponisten
Jewish Chamber Music
Komponisten wie Alexander Weprik, Grigorij Gamburg (1900-1967), Michail Gnesin (1883-1957) und Alexander Krejn (1883-1951) besannen sich auf ihre Wurzeln und begannen Werke zu komponieren, in denen sie ihre alte Musiktradition mit einer zeitgemäßen Musiksprache in Verbindung zu bringen suchten. Doch mit dem Beginn der 1930er-Jahre endete auch die Offenheit in Russland: Jüdische Musik und Kultur wurden kaum mehr geduldet und auf ein für propagandistische Zwecke notwendiges Minimum reduziert. Ende der 1940er-Jahre erreichte schließlich der staatliche Antisemitismus durch die Deportation und Ermordung unzähliger jüdischer Künstler und Intellektueller seinen Höhepunkt - und mit ihnen verschwand auch die Musik, die noch einige Jahre zuvor große Erfolge gefeiert hatte. Den Bemühungen des Pianisten Jascha Nemtsov und der Musikwissenschaftlerin Beate Schröder-Nauenburg ist es zu verdanken, durch ihre Nachforschungen in russischen Archiven und Bibliotheken einen Teil der vergessenen kammermusikalischen Schätze gehoben und wieder an die Öffentlichkeit befördert zu haben. Das Ergebnis dieser Suche ist auf einer höchst beeindruckenden CD aus der Reihe "faszination musik", vom SWR Stuttgart produziert und bei hänssler CLASSIC erschienen, zu hören: Insgesamt neun Werke aus der Feder von fünf Komponisten - darunter auch der relativ bekannte Ernest Bloch (1880-1959) - hat das Duo Tabea Zimmermann (Viola) und Jascha Nemtsov (Klavier) hier mit einer atemberaubend packenden, emotionsgeladenen Spannung und in brillanter Aufnahmequalität eingespielt. Dem Hörer eröffnen sich wahrhaft faszinierende Klangwelten: rhapsodische Formen, rezitativische Gesänge, lange Melodiebögen, folkloristische Einflüsse, nicht enden wollende Gesänge, rhythmische Bewegung und fein ausgearbeitete Ornamente - all dies verbindet sich in den präsentierten Kompositionen zu einer authentischen Musik, in der genuin jüdische Elemente wie der improvisatorische Charakter und die gleichsam archaische Motivik mit dem kompositionstechnischen Zugriff des frühen 20. Jahrhunderts eine spannungsvolle Synthese eingehen. Jewish Chamber Music : Alexander Weprik: Rhapsodie op. 17, Totenlieder op. 4, Kaddisch op. 6, Chant rigoureux op. 9; Alexander Krejn: Ornamente op. 42; Michail Gnesin: Spielmannslied op. 34, Lied der Mariamne op. 37 Nr. 2; Grigorij Gamburg: Aus dem "Hohen Lied" op. 5; Ernest Bloch: Suite für Viola und Klavier. Tabea Zimmermann (Viola), Jascha Nemtsov (Klavier).- hänssler CLASSIC CD 93.008 (Reihe "faszination musik")
Hebrew Melodies
Die einzelnen Stücke lassen sich denn auch im Bereich zwischen arabesk verziertem Gesang - wie etwa die Hebräische Melodie op. 33 von Joseph Achron - und virtuos eingesetzten Elementen aus der Tanzmusik - so in Freilechs op. 20 Nr. 2 von Joel Engel - lokalisieren, wobei häufig der Aspekt der Virtuosität überwiegt und manchmal sehr hohe technische Anforderungen an den Violinisten stellt. Während einige Stücke eine eher einfache Faktur besitzen - so die kantable Aria op. 41 von Alexander Krejn, die dreisätzige Suite op. 7 von Alexander Weprik oder die Hebräischen Rhapsodie op. 3 Nr. 2 von Lazare Saminsky -, tritt in anderen Kompositionen der improvisatorische Gestus an die Stelle satztechnischer Strenge. Insbesondere Joseph Achrons Werke überzeugen zudem durch enorme Vielgestaltigkeit und schillernden Abwechslungsreichtum. In ihnen fristet der Klavierpart nirgendwo ein Dasein als reine Begleitung der Violinstimme; vielmehr ist er immer tiefgreifend an der dramatischen Gestaltung der Musik beteiligt. Die scheinbare Schlichtheit, die etwa aus Achrons Hebräischer Melodie op. 33 aufgrund des mehrmaligen Vortrags einer wehmütigen Kantilene erwächst, wird durch die Klavierbegleitung und einzelne virtuos-kontrastierende Abschnitte jeweils in ein anderes Licht getaucht. Der Vortrag von Turban und Nemtsov ist hier ganz superb: die beiden Interpreten wissen den Zuhörer wahrhaft zu verzaubern, indem sie diese Komposition in einen subtilen Klangfarbenrausch verwandeln. Doch damit nicht genug: auch in den übrigen Werken, etwa in Achrons mitreißender Stempenju-Suite , liefern die beiden Duopartner eine überzeugende und spannende Vorstellung. Die knisternde Atmosphäre ihres Zusammenspiels, dessen Genuss übrigens durch eine ausgezeichnete Tonqualität und ein klares Klangbild unterstützt wird, spricht für sich und macht diese Sammlung vergessener Perlen zu einem Höhepunkt kammermusikalischen Musizierens. Nicht zu vergessen ist schließlich auch der höchst informative und kompetent verfasste Text des Booklets, den die Musikwissenschaftlerin Beate Schräder-Nauenburg gemeinsam mit Jascha Nemtsov verfasst hat. Mit einem Wort: Die Produktion ist ein rundum gelungenes Ereignis, das den Wunsch nach weiteren Veröffentlichungen dieser Art aufkommen lässt. Hebrew Melodies : Joseph Achron: Hebräische Melodie op. 33, Tanzimprovisation op. 37, Hebräisches Wiegenlied op. 35 Nr. 2, Märchen op. 46, Scher op. 42, Canzonetta op. 52. Nr. 2, Stempenju-Suite ; Alexander Weprink: Suite op. 7; Joel Engel: Freilechs op. 20 Nr. 2; Lazare Saminsky: Hebräische Rhapsodie op. 3 Nr. 2; Alexander Krejn: Aria op. 41, Caprice hébraïque op. 24, Zweite Arie. Ingolf Turban (Violine), Jascha Nemtsov (Klavier).- hänssler CLASSIC CD 93.028 (Reihe "faszination musik")
On Wings of Jewish Song
Bereits die Vielfalt der eingespielten Werke verblüfft: Mit ihrem oftmals rezitativischen Duktus knüpfen einige Lieder - so Lazare Saminskys Schir Haschirim - an den Tonfall liturgischen Gesanges an, während andere, etwa Ich bin a Bal-agole von Solomon Rosowsky, der Musiziertradition des Klezmer oder - wie Moshe Milners Tanz, tanz, mejdele, tanz - dem Charakter volkstümlicher Lied- und Tanzweisen verpflichtet sind. Dabei erweisen sich die Lieder gewöhnlich als außerordentlich vielschichtig: zwar ist ihre kompositorische Faktur im Allgemeinen einfacher als jene rein instrumentaler Komposition, wie der Vergleich mit den in vier Gruppen zwischen den Liedern eingeschalteten Zehn jüdischen Tänzen für Klavier op. 50 von Alexander Krejn nahelegt; doch vermögen sie häufig durch ihren unkonventionellen Aufbau und den mitunter sehr fein gearbeiteten Klavierpart zu überraschen. Damit erweist sich die Produktion als spannende Erweiterung des Sololied-Repertoires in eine bislang völlig unbeachtete Richtung, was auch den engagierten Leistungen beider Interpreten zu verdanken ist. Helene Schneiderman offenbart sich hier als Glücksgriff, trifft sie doch genau den richtigen Ton zwischen Schlichtheit und Emotionalität, der die meisten Lieder auszeichnet. Dabei setzt sie den mitunter kehligen Konsonantklang der zum überwiegenden Teil jiddischsprachigen Liedtexte sehr gut um. Am stärksten ist ihr Vortrag dort, wo die Textinhalte ein hohes Maß an variabler Stimmgebung erfordert: so wird etwa das ausgedehnten Lied In Chejder von Moshe Milner, das in dialogischer Form die Geschichte eines Lehrers erzählt, der seinem Schüler die Schrift und damit die Grundlagen der jüdischen kulturellen Identität zu vermitteln versucht, zu einer spannenden Studie in rezitativischem Stil, die ganz von den unterschiedlichen Einfärbungen durch die Singstimme lebt. Aber auch für die gerade auf Grund ihrer raffiniert arrangierten Schlichtheit beeindruckenden Lieder Alexander Wepriks könnte man sich keine eindringlichere Umsetzung vorstellen. Bei alldem erweist sich Jascha Nemtsov durch seine feinfühlige Behandlung dynamischer Nuancen als idealer Liedbegleiter - eine Qualität, von der nicht zuletzt auch sein Vortrag von Krejns Jüdischen Tänzen profitiert, die (insbesondere im dritten Tanz) unter seinen Händen passagenweise an den rhapsodischen Vortrag einer epischen Dichtung aus dem Munde eines Sängers erinnern und permanent zu atmen scheinen. Gleiches gilt für die stimmungsvollen Zwischenspiele, die sich etwa in den Hebräischen Liederzyklen op. 12 und op. 13 von Lazare Saminsky finden: in ihnen schert das Klavier immer wieder aus und bekräftigt den Text mit farbigen Instrumentationseffekten, die jedoch nie zu weit in den Vordergrund rücken. In diesem Sinne beachtenswert ist schließlich auch Joseph Achrons Lied A kapele konzertisten op. 64, desen virtuoser Klaviersatz gemäß des Textes ("Ein kleines Orchester bin ich ganz allein.") eine geradezu plastische Demonstration der Wirkung einzelner Instrumente darstellt, wobei Nemtsov subtile orchestrale Wirkungen entfaltet. On Wings of Jewish Song: Music from the New Jewish School: Lieder von Joseph Achron, Alexander Weprink, Alexander Krejn, Lazare Saminski, Solomon Rosowsky, Pesach Lvov, Joel Engel, Michail Gnesin und Moshe Milner; Alexander Krejn: Jüdische Tänze für Klavier op. 50. Helene Schneiderman (Mezzosopran), Jascha Nemtsov (Klavier).- hänssler CLASSIC CD 93.041 (Reihe "faszination musik")
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