Verdi auf dem Tiefpunkt
Wer sich diese Produktion anhört und ihr das eingangs zitierte Kritikerlob entgegenstellt - mit dem die Firma Philips übrigens auch in einer großformatigen Zeitschriften-Anzeige wirbt -, muss sich allerdings ernsthaft fragen, warum der Schreiber jener Zeilen nur nach dem Beifall des Publikums und nicht auch nach der Qualität des Gesangs geurteilt hat. Denn da geht es mitunter wahrhaft schauerlich zu. Um nicht vor zu greifen, soll der Blick zunächst auf den Gesamteinruck von Gergievs Aufnahme gerichtet werden. Grob gesagt, handelt es sich hier wohl eher um eine schlechte Karrikatur denn um eine seriöse Verdi-Einspielung. Das liegt ganz offenbar daran, dass sich Gergiev nicht viel Mühe gemacht zu haben scheint, mehr als ein oberflächliches Partiturstudium zu betreiben. Denn obgleich Verdi in seinen Briefen an den Verleger Giulio Ricordi ausdrücklich bemerkt, "dass diese Messe nicht wie eine Oper gesungen werden darf und da also Phrasierungen und Dynamik, wie sie auf dem Theater angebracht sind, mir hier nicht - aber auch schon gar nicht - zusagen", führen sich Orchester und Chor unter Gergievs Dirigat so auf, als würden sie das Finale einer drittklassigen italienischen Oper mit all ihrem Theaterzauber aufführen. Permanent rauscht, dröhnt und scheppert es hier in vordergründig effektvoller Manier, dass es den Zuhörer richtig schwindelt. Damit werden die herberen Töne des Werkes, aber auch die klaffenden dynamischen Kontraste, die häufig im wohligen Klang des Orchesters untergehen, der Effekthascherei geopfert. Das Ergebnis einer solchen Annäherung ist eine reißerische Interpretation, hinter deren Umrisse man zwar noch Verdis Komposition zu erkennen vermag, die aber nichts von jenen außergewöhnlichen Raffinessen und Subtilitäten hören lässt, die er in seine Totenmesse eingebracht hat. Darüber hinaus erweist sich Gergiev auch bei den Tempoverhältnissen als Mann für das Grobe. Während er etwa den Chor in weniger als zweieinhalb Minuten durch das Sanctus hetzt und dem Stück so jegliche musikalische Wirkung nimmt, schleppt sich die Musik an anderen Stellen endlos dahin. Das hat seine Ursachen ohne Zweifel auch in der Vokalbesetzung der Aufnahme. Denn während das Vokaltrio Renée Flemming (Sopran), Olga Borodina (Mezzosopran) und Ildebrando D'Arcangelo (Bass) durch klangliche Homogenität und technische Beherrschung der Partien überzeugt, kann der Vierte im Bunde da technisch wie musikalisch nicht mithalten und benötigt mitunter langsamere Tempi, um seine bescheidenen Fähigkeiten überhaupt noch enfalten zu können. Kein Zweifel: Andrea Bocelli scheitert ständig an den Erfordernissen dieser Musik, und sein laienhaftes Tenor-Stimmchen versetzt der Musik oft genug den Todesstoß. Dies beginnt schon mit dem verschmierten Solo-Einsatz im Kyrie, setzt sich über das blasse und ohne Gestaltungskraft vorgetragene Ingemisco fort und erreicht schließlich in der schwierigen Tenorpartie des Hostias im Offertorio, in der Bocellis hörbare Bemühtheit einfach nur lächerlich wirkt, einen traurigen Höhepunkt. Nicht nur auf Grund ihrer mangelhaften Bewältigung, sondern auch wegen ihrer notgedrungen zurückhaltenden Tempi wirken diese Passagen mitunter wie zäher Kaugummi. Die Überlegungen von Philips dürften klar sein. Im Verdi-Jahr verkaufen sich die Werke des Italieniers besonders gut. Eine zusätzliche Steigerung lässt sich erreichen, wenn man dazu noch einen bekannten und beliebten Sänger einsetzt. So bürgt denn wohl auch Bocellis Name dafür, dass die CD relativ häufig über den Ladentisch gereicht werden wird und auch den Weg in Plattenschränke findet, in denen die klassische Musik ein eher seltener Gast ist. Der Hörer hat eine neue Aufnahme mit Andrea Bocelli in seiner Sammlung, der er sich mit Begeisterung widmen kann. Dem Komponisten Verdi und seinem facettenreichen Werk freilich wurde hiermit nicht der geringste Gefallen getan. Die Verdi-Diskografie aber ist um einen Tiefpunkt reicher. Giuseppe Verdi: Messa da Requiem. Renée Fleming (Sopran), Olga Borodina (Mezzosopran), Andrea Bocelli (Tenor), Ildebrando D'Arcangelo (Bass). Kirov Orchester und Chor. Leitung: Valery Gergiev.- CD Philips 468 079-2 |