Ein großer Wurf

"Tutto nel mondo è burla." Alles in der Welt ist Narrheit: so lautet die tröstliche Moral, die Giuseppe Verdi am Ende seiner letzten Oper den Protagonisten in den Mund legt. Falstaff - das ist nicht nur der krönende Geniestreich zum Abschluss einer erfolgreichen Laufbahn als Opernkomponist, sondern auch neben seinem frühen Bühnenwerk Un giorno di regno (1840) die einzige komische Oper, die Verdi je komponiert hat. Dabei ist dieses erstaunliche Spätwerk weit mehr als eine Aneinanderreihung komischer Bühnensituationen. Es ist ein Stück musikalisches Welttheater, dessen Tonfall von einer wahrhaft unnachahmlichen Mischung aus Pathos, Ironie, Komik und heiterem Ernst bestimmt wird.

Die musikalische Realisierung freilich ist eine heikle Angelegenheit: Wer sich die Mühe macht, die Partitur von Verdis "lyrischer Komödie" zur Hand zu nehmen und mit den klingenden Ergebnissen einiger Aufnahmen zu vergleichen, wird sehr bald überrascht sein, wie unbefriedigend manche viel gerühmte Einspielung in Wahrheit geraten ist, mit welch grobem Pinsel etliche Dirigenten und Sänger über die Details hinweg gehen und wie schwer bei all dem, der spezifische Ton des Werkes zu treffen ist.

Mit einem unverbrauchten Sängerensemble und dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique hat sich nun der britische Dirigent John Eliot Gardiner an den Falstaff herangewagt. Herausgekommen ist dabei eine staunenswerte Einspielung, in der die ganze abgründige Tiefe von Verdis Musik zur Geltung kommt. Gardiners akribische Lektüre der Partitur kommt der Komposition in vielen Aspekten zu Gute. Selten hat man eine Umsetzung des Stückes gehört, die Verdis teils heftige dynamische Kontraste so ernst nimmt und die Musik dadurch zum Psychogramm der Bühnenereignisse, aber auch zum Medium der manchmal schon nahezu impressionistisch anmutenden Stimmungsschilderungen und der zahlreichen parodistischen Situationen macht.

Zweifellos ist hier die Verwendung von Instrumenten, die zu Verdis Zeit hoch modern waren, seither jedoch aufgegeben oder durch modernere Formen ersetzt wurden, von großem Vorteil. Die differenzierte Farbgebung, die Gardiner auf diese Weise dem Stück verleihen kann und die der Musik mit ihren eng verflochtenen Instrumentalstimmen prägnantes Profil verleiht, ist verblüffend und lässt das Stück streckenweise unerhört neu klingen. Besonders eindringlich geraten hierbei etwa die Feenszene im dritten Akt mit ihrer Verwendung von Englischhorn und Clarone (Bassklarinette).

Aber auch in Alices Erzählung des Märchens vom Jäger Herne im ersten Teil desselben Aktes, wo die schrille Pikkoloflöte zum dumpfen Untergrund der tiefen Hörner eine schaurige Atmosphäre erzeugt, wird die Funktion der instrumentalen Farbwirkungen besonders deutlich. Überzeugend - und mitreißend - ist schließlich die packende und dynamisch abwechslungsreiche Zeichnung der Eingangsszene des ersten Aktes, in der Verdi mit liebevoller Ironie ein kunstvolles Porträt des heruntergekommenen Ritters Falstaff und seiner beiden Gefolgsleute Pistol und Bardolfo zu zeichnen versteht.

Doch nicht allein die Orchesterbehandlung ist atemberaubend und von einer selten gehörten atmosphärischen Dichte. Auch die Sänger passen sich hervorragend in dieses klingende Gewebe ein. Gardiners Besetzungsliste überzeugt durch eine breit gefächerte Wahl an differenzierten Stimmencharakteren, durch die jede einzelne Rolle der Oper ihr individuelles Profil erhält. Dabei liefern Jean-Pierre Lafont als Falstaff und Anthony Michaels-Moore als Ford (herrlich in der wilden Eifersuchtsszene im ersten Bild des zweiten Aktes), aber auch Hillevi Martinpelto als Alice Ford, Rebecca Evans als Nannetta (mit einer wunderschönen wandelbaren Piano-Tongebung in den hohen Lagen) und Sara Mingardo als Mrs. Quickly allerlei denkenswerte Vorstellungen.

Insgesamt übertrifft die Produktionen alle Erwartungen: Gardiner legt hier nach seiner kongenialen Interpretation des Requiems aus dem Jahre 1995 seine zweite höchst gelungene Verdi-Einspielung vor; und nach der Entgleisung mit der peinlichen Requiem-Interpretation unter Mitwirkung von Andrea Bocelli (siehe dazu meine Rezension Verdi auf dem Tiefpunkt) hat das Label Philips mit dieser Veröffentlichung einen unbestreitbaren Volltreffer gelandet.

Giuseppe Verdi: "Falstaff". Mit: Jean-Philippe Lafont, Anthony Michaels-Moore, Antonello Palombi, Peter Bronder, Francis Egerton, Gabriele Monici, Hillevi Martinpelto, Rebbecca Evans, Sara Mingardo, Eirian James. Monteverdi Choir. Orchestre Révolutionnaire et Romantique. Leitung: Jon Eliot Gardiner.- CD Philips 462 603-2

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© 2001 by Stefan Drees