Meilensteine der Gattungsgeschichte.

Mozarts Streichquintette mit dem Ensemble Villa Musica: Vol. 1 (KV 174 und KV 614), Vol. 2 (KV 406 und KV 515), Vol. 3 (KV 516 und KV 593)

Die Geschichte des Streichquintetts hängt unmittelbar mit der des Streichquartetts zusammen. Erst nachdem sich Letzteres in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Gattung etabliert hatte, konnte die Stimmenzahl erweitert und so mit dem neu Gewonnenen experimentiert werden. In der Person Wolfgang Amadeus Mozarts findet dieses Experimentieren gleich zu Beginn der Gattunsgeschichte einen Höhepunkt, der für alle nachfolgenden Komponisten zur Messlatte ihrer eigenen Anstrengungen geriet und - von wenigen prominenten Ausnahmen abgesehen - wohl kaum mehr erreicht wurde. Insgesamt sechs Quintette hat Mozart der Nachwelt hinterlassen; sie sind Gegenstand einer vollständigen Einspielung durch das Ensemble Villa Musica bei der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm.

Makellose Qualität

Der erste Teil der Edition stellt mit den beiden Quintetten KV 174 und KV 614 Mozarts frühesten Kompositionsversuch im fünfstimmigen Streichersatz, 1773 in Salzburg entstanden, seinem letzten bedeutenden Kammermusikwerk überhaupt, vollendet im Todesjahr 1791, gegenüber und illustriert damit den Weg, den sein Komponieren in knapp zwei Jahrzehnten genommen hat. Daneben erlaubt die Produktion - und dies ist sehr positiv zu bewerten - einen Blick in die Werkstatt des Komponisten, indem sie neben den vollständigen Quintetten auch die von Mozart verworfenen Frühfassungen des dritten und vierten Satzes von KV 174 präsentiert und dadurch dem Hörer einen kritischen Vergleich zwischen vorläufiger und endgültiger Werkgestalt ermöglicht.

Doch nicht nur diese willkommene Ergänzung ermuntert zum Kauf der Einspielung; auch die Interpretation ist vom Feinsten: Die fünf hervorragend aufeinander eingespielten Musiker wissen durchweg zu überzeugen, decken mit ihrem differenzierten Vortrag manch überraschende Nuance auf und zeigen dabei viel Gespür für die feinen Regungen von Mozarts Kompositionen. Das eher schwelgerische Streichquintett B-Dur KV 174 erfährt seine Höhepunkte in der plastischen Gestaltung des Kopfsatzes ebenso wie in der kräftigen Tongebung und dem Spielwitz, mit dem das eher derbe Menuett und die Echoeffekte seines Trio-Teils gezeichnet werden. Besonders gelungen sind zudem die düster-fahlen Farben, die mitunter im Adagio-Satz zu Tage treten.

Der makellosen kompositorischen Qualität des Streichquintetts Es-Dur KV 614 entspricht eine ebenso makellose Interpretion, bei der das Zuhören uneingeschränkt Freude bereitet - zumal die technischen Klippen des Werkes mit anmutiger Leichtigkeit umschifft und bewältigt werden. Die spannungsreiche Zeichnung thematischer Kontraste im Kopfsatz, die eindringliche Eleganz des Andantes mit seinen ereignisreichen Melodieumspielungen und filigranen Verästelungen der Instrumentalstimmen sowie die immer durchsichtig gehaltene harmonisch kunstvolle Polyphonie im Finale gehören zu den eindringlichsten Momenten dieser an Höhepunkten reichen CD.

Wolfgang Amadeus Mozart: Sämtliche Streichquintette Vol. 1: Streichquintette B-Dur KV 174 und Es-Dur KV 614. Ensemble Villa Musica: Rainer Kußmaul (Violine), Aki Sunahara (Violine), Enrique Santiago (Viola), Hariolf Schlichtig (Viola), Martin Ostertag (Violoncello).- CD MDG 304 1031-2

Mannigfaltige Stimmungswechsel

Teil II der Edition setzt gleichfalls auf Kontraste und stellt das meisterhaft gearbeitete Streichquintett C-Dur KV 515 aus dem Jahr 1787 dem im selben Jahr entstandenen Streichquintett c-moll KV 406 gegenüber, bei dem es sich um eine kongenialen Umarbeitung der ursprünglich achtstimmigen Bläserserenade c-moll KV 388 von 1782 handelt. Und auch diesmal agieren die Musiker des Ensemble Villa Musica mit eindringlicher Präsizion und technischer Souveränität. Ihr Vortrag setzt sich scheinbar mühelos über die Schwierigkeiten der Kompositionen hinweg und macht so den Weg frei für eine Entdeckungsreise in die vielschichtigen Welten und mannigfaltigen Stimmungswechsel von Mozarts Musik.

Gleich zu Beginn der CD wird man in diese Veränderungen hinein gezogen: schleicht sich doch schon nach kurzer Zeit ein Schatten in die augenscheinliche Heiterkeit des C-Dur-Quintetts KV 515, wenn nämlich das aus sanft dahingetupften, stufenweise aufsteigenden Tonschritten und schwelgerischen Doppelschlägen bestehende erste Thema in eine spannungsvoll gehaltene Generalpause mündet und dann in eingetrübtem Moll wieder aufgenommen wird. Bereits diese Passage macht deutlich, dass das Hauptaugenmerk der musikalischen Umsetzung auf der differenzierten Darstellung von Vorder- und Hintergrund liegt, woraus machmal - etwa in den tastenden Stimmverflechtungen der Duchführung mit ihrer trügerisch verhaltenen Stimmung - ganz frappierende Abschnitte resultieren.

Der weit dramatischere Gestus des c-moll-Quintetts KV 406, der in den bestechend klar dargebotenen Konturen des Kopfsatz-Themas den deutlichsten Niederschlag findet, widerlegt dann vollends das Diktum vom vorwiegend heiteren Mozart. Hier regieren dunklere Schatten und es scheint unter der Oberfläche der Musik permanent zu brodeln. Gerade hierdurch unterscheidet sich die stilsichere Einspielung durch das Ensemble Villa Musica angenehm von den häufig allzu glatten Interpretationen anderer Musiker. So gehört es denn zu den unbezweifelbaren Stärken dieser Produktion, dass sie den Hörer auf die mannigfaltigen emotionalen Qualitäten der Musik aufmerksam macht und ihm dabei auch ein äußerst stimmiges Gesamtbild der beiden Werke vermittelt.

Wolfgang Amadeus Mozart: Sämtliche Streichquintette Vol. 2: Streichquintette C-Dur KV 515 und c-moll KV 406. Ensemble Villa Musica: Rainer Kußmaul (Violine), Aki Sunahara (Violine), Enrique Santiago (Viola), Hariolf Schlichtig (Viola), Martin Ostertag (Violoncello).- CD MDG 304 1032-2

Prägnante Erschütterungen

Mit einer exzellenten Wiedergabe des Streichquintetts g-moll KV 516 von 1787 setzt der dritte Teil der CD-Edition neue Maßstäbe für die Interpretation von Mozarts später Kammermusik. Hier wird nicht musikalisch schön geredet, hier werden keine Kanten geglättet: das Ensemble Villa Musica nimmt sich der zerklüfteten Atmosphäre und herben Chromatik des einzigartigen Werkes an und interpretiert sie im Rahmen einer dramatische Studie mit vielfältigen Umschwüngen. Die subtilen Details des Vortrags erschließen hier eine Welt voller Klangschattierungen, in der jeder Registerwechsel, jede Veränderung der Instrumentation zu einem bedeutsamen Ereignis wird, die Generalpausen und Fermaten förmlich zu atmen scheinen und - dies ein unbestreitbarer Höhepunkt des Kopfsatzes - der Eintritt der Reprise in den fahlen dominantischen Orgelpunkt der Durchführung sich gerade auf Grund seines nahezu beiläufigen Beginns dem Hörer wie in kaum einer anderen Aufnahme einprägt.

Solche prägnanten Erschütterungen setzen sich über die weitern Werkteile hinweg fortt - nehmen ihren Weg über die fast Beethovenschen Akzentverschiebungen des Menuetts und die abgeklärte Atmosphäre des innigen Adagio-Satzes - und kehren schließlich in der dissonanzenreichen langsamen Einleitung des Finalsatzes (auf der CD und im Booklet übrigens fälschlicherweise als eigener Satz markiert) wieder, bevor sie sich zu jenem lichten Charakter des abschließenden Allegros aufhellen, der in der Vergangenheit so viele Kommentatoren beschäftigt hat. Die musikalische Inszenierung dieses Stimmungsumschwungs ist an Eindringlichkeit schwerlich zu überbieten und schöpft seine Wirkung nicht nur aus dem fein ausgehörten und ausgewogenen Zusammenspiel der fünf Musiker, sondern auch aus der hervorragenden Aufnahmetechnik, der sich das klare Klangbild auch dieser CD verdankt.

Wie die vorhergehenden Teile der Mozart-Edition entfaltet auch die vorliegenden Produktion mit dem Streichquartett D-Dur KV 593 von 1790 einen musikalischen Kontrast zu den über weite Strecken düsteren Klängen des g-moll-Quintetts. Gleichzeitig bestätigt sich hier noch einmal die Feststellung, die bereits im Zusammenhang mit Teil I der Edition getroffen wurde: die vielfältigen technischen Klippen der Musik werden von den beteiligten Musikern mit einer fast schlafwandlerischen Leichtigkeit umschifft. So schließt sich der Kreis über einer in sich abgerundete Gesamteinspielung der sechs großartigen Kammermusikwerke, deren Referenzcharakter für mich außer Frage steht und die eine Vielfalt selten gehörter Nuancen aus den Kompositionen herausholt-  ohne dabei jemals bemüht zu wirken.

Wolfgang Amadeus Mozart: Sämtliche Streichquintette Vol. 3: Streichquintette g-moll KV 516 und D-Dur KV 593. Ensemble Villa Musica: Rainer Kußmaul (Violine), Aki Sunahara (Violine), Enrique Santiago (Viola), Hariolf Schlichtig (Viola), Martin Ostertag (Violoncello).- CD MDG 304 1106-2

 

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