Zwischen Spätbarock und Frühklassik

Als der Neapolitaner Nicola Porpora 1768 im Alter von 82 Jahren starb, hatte er in seinem langen Leben die Biografien einiger der wichtigsten komponierenden Zeitgenossen gekreuzt; zudem war der Weitgereiste, der im Laufe der Zeit Ämter wie das eines Kapellmeisters in Venedig und Dresden oder eines Opernunternehmers in London bekleidete, ein Vokalkomponist von außergewöhnlichem Rang, dessen Opern in ganz Europa berühmt waren, und galt zudem als ausgzeichneter Gesangslehrer.

Nicht zuletzt ist Porpora ein gutes Beispiel für jene wichtigen Knotenpunkte in der Geschichte der Musik, in denen sich Errungenschaften der Vergangenheit bündeln und zur Voraussetzung eines Neuen werden - wobei die Person selbst vergessen wird. In Porporas Fall sind es die stilistischen Kennzeichen von Spätbarock und Frühklassik, die sich in seinen Kompositionen finden und damit die Schwelle zu jener neuen Zeit markieren, die bald darauf zur Musik eines Joseph Haydn oder Wolfgang Amadeus Mozart führen. Zu dieser Entwicklung hat Porpora auch als Pädagoge beigetragen, war doch Haydn zu Beginn seiner Laufbahn Assistent und Korrepetitor des Gesangslehrers Porpora.

Stilistische Kennzeichen, die von einer Epoche des Übergangs künden: sie lassen sich auch in den 12 Sonaten für Violine und Cembalo finden, die 1754 in Wien publiziert wurden. Von der äußeren Form her sind sie eher konservativ in der Art der italienischen "Sonata da chiesa" komponiert, die bis auf Arcangelo Corelli zurückgeht. Doch neben typischen barocken Eröffnungssätzen und streng komponierten Fugen gibt es auch Sätze, in denen der empfindsame oder galante Stil der Frühklassik sowie die kantable Melodienentfaltung der Opernarie im Vordergrund stehen.

Anton Stecks Interpretation von sechs ausgewählten Sonaten, die bei der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm erschienen ist, überzeugt zunächst einmal durch die schlafwandlerische Sicherheit, mit denen der Violinist den hohen technischen Anforderung der virtuosen Werke gerecht wird; beeindruckend ist aber auch die musikalische Gestaltung, die insbesondere in den präludierenden Einleitungssätzen und im Artikulationsreichtum der Fugen (so in den Sonaten II G-Dur und II C-Dur) zur Geltung kommt.

Weniger überzeugend erscheint mir dagegen - trotz der einfallsreichen Umsetzung der Begleitstimme durch den Cembalisten Christian Rieger - die Verwendung eines Pedalcembalos als Tasteninstrument: Das Klangbild einzelner Sonaten wirkt durch diese Wahl häufig zu kompakt, so dass einzelne Passagen der Musik unter der Klangfülle leiden und zu Ungunsten des Violinparts in den Vordergrund treten. Dass die von Rieger gewählten Registrierungen des Cembalos zudem weitgehend auf Steigerungsmöglichkeiten und musikalischen Spannungsaufbau verzichten, ist umso bedauerlicher, als er damit häufig die Gestaltung seines Partners durchkreuzt.

Nicola Porpora: Violinsonaten. Anton Steck (Violine), Christian Rieger (Pedalcembalo).- CD MDG 620 1034-2

 

Links zum Thema:

Zurück zum Index

© 2001 by Stefan Drees