Farbenreicher Blick in die Vergangenheit
Neben den berühmten sinfonischen Dichtungen Fontane di Roma (1916), Pini di Roma (1924) und Feste romana (1928) sowie den unter dem Titel Antiche danze ed arie (1917, 1923 und 1931) bekannt gewordenen Transkriptionen aus Lautentabulaturen alter italienischer Meister haben sich kaum Werke Respighis in den Konzertprogrammen gehalten. Die Veröffentlichung von vier zumeist unbekannten Kompositionen auf einer neuen CD der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm ist daher zunächst einmal als außerordentlich interessante Repertoirebereicherung zu werten; darüber hinaus stellt sie eine Möglichkeit dar, höchst unterschiedliche Aspekte von Respighis orchestralem Schaffen kennen zu lernen. Allen eingespielten Werken ist ihr offensichtlicher Bezug zur Vergangenheit gemeinsam: es scheint, als habe Respighi, um sich seiner ästhetischen Position zu versichern, die zurückliegenden Epochen der Musikgeschichte genauestens durchleuchtet und für sich zu gewinnen versucht. Jede einzelne der ausgewählten Kompositionen repräsentiert eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten der Tradition: So greift die Burlesca per Orchestra (1906), die hier erstmals auf Tonträger veröffentlicht wird, auf einen Satztypus aus den Tanz-Suiten des 18. Jahrhunderts zurück und füllt ihn mit schillernden Orchesterklängen aus. Die brilliante viersätzige Rossiniana. Suite per Orchestra da "Les Riens" di G. Rossini (1925) ist dagegen eine kontrastreich angelegte Anverwandlung von Kompositionen Rossinis, deren melodiöser Duktus von Respighi mit expressivem Leben erfüllt wird. Ganz anders wirkt die archaische Tonsprache des weit entfernten Mittelalters, die der Komponist in Metamorphoseon. Modi XII. Temae Variazioni (1930) mit modernen Elementen zu verquicken weiß und als Thema mit zwölf Variationen in allen Kirchentonarten präsentiert, von denen jede einzelne durch ständig wechselnde Instrumentation und Klangkombinationen bestimmt ist. Die ausgedehnte "Interpretazione Orchestrale" der Passacaglia in do minore di Giovanni Sebastiano Bach (1930) schließlich ist eine meisterhaft instrumentierte Auseinandersetzung mit einem der eindrucksvollsten Orgelwerke Bachs. Vorgetragen wird diese abwechslungsreiche Werkauswahl vom Sinfonieorchester Wuppertal unter Leitung von George Hanson. Die Interpretation überrascht nicht nur durch ihren ideenreichen Zugriff auf die höchst unterschiedlichen Stücke, sondern überzeugt vor allem auch durch die plastische Gestaltung von Respighis farbenreichen Partituren, deren permanente Übergänge zwischen kammermusikalisch instrumentierten und orchestral geprägten Texturen nicht einfach zu realisieren sind. Hier besticht insbesondere die Interpretation der Bachschen Passacaglia durch eine abgerundete Gestaltung von Klangfarbenübergängen. Unter Hansons Stabführung gewinnen alle Werke ein jeweils individuelles Profil und viele außergewöhnlich intensive Momente. Dabei kommt die präzise Darstellung der stilisierten Archaik des Metamorphoseon mindestens ebenso zu Gute wie der warmherzigen Mischung aus Wehmut und Überschwang, die aus der Rossiniana spricht. Mit einem Wort: hier ist eine in allen Aspekten gelungene und absolut empfehlenswerte Produktion entstanden, die ich insbesondere jenen Hörern ans Herz legen möchte, die für Musik jenseits der ausgetretenen Pfade offen sind. Ottorino Respighi: Orchesterwerke. Metamorphoseon. Modi XII. Tema e Variazioni (1930); Rossiniana. Suite per Orchestra da "Les Riens" di G. Rossini (1925); Burlesca per Orchestra (1906); Passacaglia in do minore di Giovanni Sebastian Bach (1930). Sinfonieorchester Wuppertal. Leitung: George Hanson.- CD MDG 335 1030-2 Links zum Thema: |